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Full text of "Wer aus Russland kommt ist müde"

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die TARIFA REDUCIDA 
1le| Ooncesiön 8688 


8 4 S| FRANQUEO PAGADO 
& Ooncesiön 4805 


Vorankündigung 


Als nächstes Sonderheft des „Weg“ erscheint: 


Wer ans Russland kommt ist müde 


Von Schwester Ilse Behrens 


Mit diesem Bericht, dessen wundervolle Sprache von Leid und tie- 
fem Erleben geläutert ist, hat Sehwester Ilse nicht nur ihren Mit- 
schwestern vom Roten Kreuz, sondern darüber hinaus allen deut- 
schen Frauen und Mädchen, die im Rußlandeinsatz gestanden haben, 
ein unvergängliches Denkmal geschaffen und hat uns inmitten einer 
entmenschten Welt ein ergreifendes Zeugnis wahrer Menschlichkeit 
geschenkt. Wer selbst in Rußland war, wird in diesem Bericht Schwe- 
ster Ilses sein eigenes Erleben dichterisch überhöht wiederfinden, 
und wer nicht dort gewesen ist, dem steht alles mit einer plastischen 
Deutlichkeit vor Augen, als habe er es selbst erlebt. 


Die innere Bewältigung eines Schicksals, das alle Grenzen der Vor- 
stellung sprengt, die seelische Meisterung eines Erlebens, das viele 
zerbrach oder innerlich ausbrennen ließ, das ist es, was Schwester 
Ilse gelang und womit sie alle ihre Schicksalsgefährtinnen der Ver- 
gessenheit entriß. 


# 


Auch von diesem Sonderheft kann aus Gründen 
der Papierknappheit nur eine beschränkte Auflage 
gedruckt werden. Bestellen Sie daher rechtzeitig 
vorher bei ihrem Buchhändler oder beim 


DURER-VERLAG 


CASILLA DE CORREO 2398 BUENOS AIRES 





ILSE BEHRENS 


Wer aus Russland kommt ist müde 


ILSE BEHRENS 


Wer aus Russland kommt 
ıst müde 


DÜRER-VERLAG/ BUENOS AIRES 
Sonderheft der Zeitschrift „Der Weg" 


Copyright 1951 by Editorial Dürer, S.R.L. 
Alle Rechte vorbehalten — Todos los derechos reservados. 


Qucda hecho el depösito que marca la ley. 


Se terminö de imprimir en Buenos Aires, en la Imprenta “Mercur”, 
Rioja 674, a los 10 dias de mayo de 1951. 


ABSCHIED VON GENUA 


28. August 1939. 
Heidi ist tot! 


Mit sechsundzwanzig Jahren ging sie von uns. Ging aus ihrem jungen star- 
ken Leben, ging aus unserer Arbeitsgemeinschaft hinaus und ließ uns verstört 
und tief erschrocken zurück. Vier Wochen lang kämpfte sie mit dem Typhus. 
Sie wurde immer schmaler, immer stiller, bis sie dann die Augen für immer 
schloß. 

Schwester Heidi Lutz! Nun ruhst Du unter Gladiolen und Dahlien, fern von 
Deinen Schweizer Heimatbergen unter dem tiefblauen Himmel Italiens und 
weißt nichts mehr von uns und der Welt. Von einer Welt, die krank ist, und 
über die ein unerbittliches Schicksal hinweggehen wird. 

Genua, diese bunte lichterfunkelnde Stadt, liegt seit gestern verdunkelt im 
blauen Licht. Die Luft ist geladen mit Spannung, Angst und Sorge. Die Presse 
sorgt für sensationelle Berichte, schürt den plötzlich nicht mehr zu bändigen- 
den Völkerhaß, läuft über vor Kriegshetze. Panikstimmung greift um sich, und 
die ersten Autos, vollbepackt mit Hab und Gut, verlassen schon die gefährdete 
Stadt. Ist unser Schicksal nun besiegelt oder gibt es noch einen Weg der Ver- 
ständigung, des guten Willens? 


29. August. 


Vor ein paar Tagen war ich noch einmal auf dem Righi. Schon mit Unruhe 
erfüllt, schon mit Gedanken um Deutschland belastet. Das Wort „Krieg“, „la 
guerra”, fiel immer wieder. Hier und dort wurde es aufgefangen, ungläubig 
noch, abwehrend, aber es blieb doch haften, — ein kleiner Widerhaken, der 
leise schmerzte. (—Und alles, was man von nun ab tut, ist schon wie eine Ab- 
schiedsgeste.) Es war ein stürmischer Tag. Tiefschwarz schleuderte der Him- 
mel wolkenbruchartige Schauer herab. Das Meer tobte, und Warnungssignale 
suchten vom Hafen die Schiffe auf See. Ich nahm meinen Regenmantel und 
holte Dieter ab, trotz Sturm und Wolken. Nach raschem Anstieg erreichten 
wir unser Cafe und sahen dann, hinter den Scheiben bei Kaffee und Kuchen, 
den seit Wochen ersehnten Regen auf die ausgedürstete Erde herabplatschen. 
Als es langsam ruhiger draußen wurde, gingen wir hinaus. Schwarzverhangen 
mit verwischten Konturen ragte das Gebirge hinter Genua auf, "düster zeich- 
neten die Kastelle der „due fratelli“ sich vom wolkenzerfetzten Himmel ab. Zu 
unseren Füßen tief unten lag, klein wie ein Schachbrett, der „campo Santo“. 
Der Sturm brauste und sauste in unseren Haaren, die ersten Blätter lösten sich 
von den Bäumen, und der Duft von Kiefern und feuchter Erde mahnte schon 
an den Herbst. Dann ließ der Regen ganz nach, es wurde heller ringsum, in 
zarten onalisierten Farben begann das Meer zu leuchten, bis es auf einmal 
wieder in tiefer Bläue vor uns lag. In der Richtung des Felsensprungs von 
Portofina löste sich aus milchigem Dunst der Leib eines Schiffes. Langsam 
glitt es aus dem Hafen und schnitt ruhig und gelassen die weißen Wogen. — 
Gelöst, durchweht und froh, gesättigt von all der südlichen Schönheit, kamen 
wir schließlich nach Genua zurück. Doch in den schmalen Gassen hing noch im- 
mer die Dumpfheit der wochenlangen Hitze und unterstrich die Nervosität, 
die merkbar über der unruhigen Stadt zitterte. Aber auf den Balkonen glüh- 


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ten, von der segnenden Nässe erquickt, Geranien im Licht des scheidenden 
Tages, und an den hohen Häuserfassaden schimmerten die samtblauen Kel- 
che der Klematis, überrieselt von abertausend Silbertropfen, schön wie nie, nie 
zuvor. 


30. August. 


In unserem „ospedale internationale“ brodelt und kocht es stärker denn je. 
Die italienischen Matrosen zwar sitzen unentwegt und unbewegt auf ihren 
Betten, die unvermeidlichen klebrigen Spielkarten in den Händen: la guerra? 
Sie zeigen ihre.weißen Zähne und werfen ihre schwarzen Schöpfe mit mutwil- 
liger Kopfbewegung zurück, nix, nix! Und ihre dunklen Augen strahlen den 
ganzen sorglosen Frohsinn ihrer Rasse wider. — Aber hier und dort stehen Hol- 
länder und Dänen herum. Sie lehnen aus dem Fenster, vergraben ihre Hände 
in den Hosentaschen, ihre Gesichter sind unruhig, sie wenden sich ab, wenn Hedi 
oder ich, — als einzige Deutsche, — das Zimmer betreten. Feute mittag war 
die Frau des holländischen Konsuls bei uns zu Tisch. Sie schnitt uns beide, 
das war wohl nicht zu übersehen. Und die dänische Schwester Sigrid verläßt 
ostentativ das Salutino, wenn ich es betrete. Die Schweizer sitzen fast unun- 
terbrochen am Radio und verteidigen glühend Polen. Was wir mit Danzig 
wollen! Ach, ich habe mit Danzig gar nichts im Sinn. Ich möchte nichts wei- 
ter, als daß uns der stark bedrohte Frieden erhalten bliebe! — Der italieni- 
sche Chirurg, unser Professor, ist unverändert freundlich bei der Visite. In 
seinen Augen, denen ein Ausdruck von Kindlichkeit erhalten blieben ist, den 
wir alle so lieben, steht Sorge. In einem Augenblick, in dem ich mit ihm allein 
bin, teile ich ihm meinen impulsiv gefaßten Plan mit: „Ich fahre nach Deutsch- 
land!“ Und er nickt mir schweigend und zustimmend zu. Der Schweizer In- 
ternist und Leiter des Hauses behält seine kühle klare Ruhe. Er liebt uns 
Deutsche nicht. — Nun, wer tut das schließlich! — Wir tragen übrigens, ganz 
abgesehen von politischen Motiven, ein gutes Teil Schuld daran. Ich sah z. B. 
neulich in Nervi ein paar deutsche Touristen, die ein Benehmen der Land- 
schaft und den Italienern gegenüber an den Tag legten, das haarsträubend war. 


31. August. 


Nein, ich muß nach Deutschland! Es hat keinen Zweck mehr hier zu warten. 
Das Konsulat gibt uns keine nennenswerte Auskunft. Die Herren zucken mit 
den Schultern und versprechen, uns Nachricht zu geben, sobald Informationen 
einlaufen. Wir sind gestern und heute dort gewesen. Wenn sie darauf war- 
ten wollen, uns den Ausbruch des Krieges mitzuteilen, das merken wir ja 
schließlich auch. Ich habe Angst, daß dann die Grenzen für unbestimmte Zeit 
geschlossen werden, und ich hier unten sitze, während in Deutschland Kriegs- 
Jazarette aufgestellt und hinausgeschickt werden. Ohne mich! Unmöglich! 
Wozu bin ich denn Schwester geworden! Doch nur, um dort zu helfen, wo 
wirklich Not ist. 


Abends. 
Ich habe also das Ospedale vor die Tatsache gestellt, daß ich morgen nach 
Deutschland fahren werde. Hedi und Dieter fahren noch nicht. Sie wollen 


warten. Ich habe keine Zeit zu warten. Niemand hat mir etwas in den Weg 
gelegt, obgleich einige Schwestern noch auf Urlaub sind. Irgend etwas zwi- 


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schen den Schweizer Schwestern und mir ist plötzlich wieder hergestellt, das 
in den letzten Tagen der politischen Spannungen völlig zerstört zu sein schien. 
Unsere schöne, warme internationale Arbeitsgemeinschaft. Ja, sie vergessen 
plötzlich, daß ich ja Danzig haben will, mir den Krieg wünsche und vielleicht 
auch noch ihre ganze ruhige, runde Schweiz. Kein Wort mehr davon. Sie sind 
voller Teilnahme, Hilfsbereitschaft und Fürsorge. Am Ende sind sie froh, daß 
ich gehe? Ach nein, ich will ihnen nicht unrecht tun. Aber Heidi sollte mit- 
kommen. Sie kann sich so schwer trennen. Von der Stadt? Dem Land? Den 
Menschen? 


Il. September. 


Und nun sitze ich zum letzten Male beim Kerzenlicht in meinem Zimmer, des- 
sen Fenster zum Meer hinaus gehen, und nehme Abschied von Dir, Genua! 
Ich sehe noch einmal Dein Meer aufleuchten in einer Vielfalt von Farben, die 
unbeschreiblich ist. Ich sehe Deine Kuppen licht erglänzen und höre das Rau- 
schen Deiner Palmen und Pinien, die sich im Abendwinde wiegen. Ich sehe 
Deine alten Plätze und Paläste. Dein buntes, fremdes Volk — Italien. Und 
ich gehe noch einmal zu unserem Wunschbrunnen am Piazza del Ferrais. Vor 
cin paar Tagen noch funkelte die sprühende Fontäne am Abend in allen Far- 
ben des Regenbogens, lockte das Plätschern des Wassers Fremde und Ein- 
heimische immer wieder zu seinem Becken, auf dessem Grunde ungezählte Mün- 
zen schimmern. Denn — so geht die Fama — dieser Brunnen hat die Kraft, 
Wünsche zu erfüllen, wenn man sie zugleich mit einem Geldstück tief ver- 
schwiegen in den Brunnen versenkt. Wir haben oft am Abend am Rande des 
Beckens gesessen. Rings um uns schwoll das bewegliche, bunte, ewig wech- 
sende Treiben dieser geliebten Stadt an und ab, flammten die bunten Lichter 
iiber Cafes, Restaurants und Geschäften auf, klang das heiter-musikalische Durch- 
einander fremder südlicher Sprachen unter einem sternübersäten samtblauen 
Himmel. Spielerisch haben wir Münzen in das Zauberwasser gleiten lassen 
und haben uns gewünscht, daß das Leben immer so bleiben möge, wie jetzt: 
bunt, warm, voller Freude und Farben! — Nun schimmert er dunkel und un- 
beleuchtet, ganz verlassen auf einem verödeten Platz. Die Fontäne ist abge- 
stellt. Unbewegt, wie erstarrt steht das Wasser im Becken. Die Münzen sind 
nicht zu erkennen, die Wünsche sind vergessen. Ich streiche noch einmal mit 
leiser Hand über das entzauberte, noch vom Sonnenlicht durchwärmte Gestein. 
Wie stumm ein Brunnen ist, wenn sein Wasser nicht mehr plätschert. Das 
Herz tut mir weh. Plötzlich liegt dlie Fremdheit des Landes lastend auf mir. 
Lebe wohl, denke ich traurig, sie haben dich alle verraten! Sie laufen durch 
die Straßen, die Taschen voller Zeitungen, und Zeitungen in den Händen, sie 
löschen alles Licht aus, und reden von Haß und Tod, Zerstörung und Krieg, 
als hätten sie nie an Deinem Rande gehockt, mit kleinen Geldstücken geklim- 
pert, und sich nichts anderes als Liebe und Leben, Glück und Frieden gewünscht. 

Und dann fahre ich aus dem Bahnhof, dem dunklen genuesischen Bahnhof, 
und mein Blick hält die beiden fest, wie sie dort stehen irgendwie verbunden, 
Hedi und Dieter! Wir winken — waren Eure Gesichter je so unbewegt? Im- 
mer kleiner werdet Ihr, ach Gott, und dann ist nichts mehr da als letzte italie- 
nische Nacht. Hedi — Dieter! Wie waren wir still und stumpf schon heute 
abend! Wie fern schon rauscht das Leben an uns vorbei! Auf Wiedersehen, 
Dieter! Du bist so groß, so blond, so sauber. Eines Tages wirst Du im Schüt- 
zengraben liegen, grau und schmutzig, Kameraden rechts und Tote links, oder 


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umgekehrt. Stöhnen und Sterben, Schmerzen und Not werden um Dich herum 
sein, dann denke an das lichte Italien und an unsere Zeit — wenn Du es kannst! 
Du batest mich sehr, einen Umweg zu machen und in die elterliche Pfarre ein- 
zukehren, um Grüße von dem Sohn zu bringen. Aber ich will nicht — noch nicht. 
Ich bin vierundzwanzig Jahre alt und möchte erst mal nach Marseille. Und Frau 
Oberin hat mir ein Arbeitsfeld in Wien in Aussicht gestellt. Ich kann doch 
nicht schon auf einer Pfarre im Harz hängen bleiben! Das Leben ist so bunt 
und voll von unentdeckten Überraschungen und Möglichkeiten. Ach Dieter, 
vielleicht tue ich unrecht. Du bist so ganz gefangen von mir, und mein Herz 
ist so still dabei. Es war schön, mit Dir dieses sonnige Land zu erleben. Nic 
werde ich den Tag in Rapallo vergessen. Aber Du bist so furchtbar ernsthaft 
Dir und Deinen Gefühlen gegenüber. Du ließest den Blick nie von mir, keine 
meiner Bewegungen entging Deiner Wahrnehmung. Ja, Deine Blicke saugten 
sich förmlich fest an mir, und ich dachte manchmal, Du solltest Dir lieber 
Hedi betrachten mit ihren warmen dunkelbraunen Augen, dem klugen Gesicht 
und dem lieben Lachen. Aber Du nahmst sie knapp zur Kenntnis und kehr- 
test Dich schon wieder mir zu, meinem hellen Haar, meinem viel zu großen 
Mund und meinen Augen, die nicht einmal blau sind. Aber jetzt, wo die Ent- 
fernung zwischen Dir und mir immer größer wird, schlägt mir ein bißchen das 
Gewissen, lieber Junge. Vielleicht, — wer kann es wissen, werde ich auch ein- 
mal so mit leeren Händen auf einem Bahnsteig stehen und dem Zug, nachse- 
hen, — wie Du heute abend. Vielleicht ist das Leben so, wir kennen es doch 
noch so wenig, Hedilein, spürten wir je das Schicksal so nahe an uns heran- 
treten? Du nahmst noch einmal Deine Laute von der Wand, aber Deine 
Stimme war ganz verhangen. Du bist so zart, längst nicht so voller Kraft wie 
ich. Wirst Du standhalten können, allem Ungeahnten, allem Unbekannten 
und Bösen, das nun an uns herantreten wird? Du weinst, ich kann nicht wei- 
nen, — ich kann auch nicht warten auf Dich, sei mir nicht böse drum, ich muß 
zurück nach Deutschland. — Der Zug ist überfüllt mit flüchtenden Stadtbe- 
wohnern und Deutschen, die schnell noch vor Kriegsbeginn in die Heimat wol- 
len. Die Abteile sind verdunkelt und heiß, Gerüchte, Sorgen und Ängste 
schwirren in mehreren Sprachen hin und her. Der Rhythmus des Zuges klingt 
hart durch die Nacht. Italien bleibt unter seinen Rädern zurück. — 

Ich komme nur bis München. Ich suche Fritz im Krankenhaus auf, der zu ei- 
nem Spezialisten von Genua hierher überwiesen ist. Sorglos und verschlafen über- 
rasche ich ihn, wie er in seinem himmelblauen Pyjama auf seinem Bett liegt. 
„Ach, Fritz, ich komme aus dem sonnigen Italien, wie schrecklich aufgeräumt 
und ordentlich doch München ist, so furchtbar frisch gescheuert. Und Du 
liegst hier, und morgen ist Krieg!“ Fritz erhebt sich wie benommen, und nur 
langsam kehrt die Intelligenz wieder in sein Gesicht ein, die bei meinem Über- 
fall für die Dauer von Minuten zu meiner Verwunderung völlig verschwunden 
warl „Ja“, sagt er, „morgen haben wir Krieg. Ich fahre nach Danzig, ich ge- 
höre zur Marine“, fügt er noch hinzu, und etwas Fremdes und Neues steht 
plötzlich in seinem Gesicht. Dann aber lacht er aus 1,90 m Höhe in alter herz- 
licher Vertrautheit auf mich herab. Komm, bittet er, wollen wir in den Garten 
gehen? Und er nimmt seinen Fotoapparat. Ja, wir wollen in den Garten! 
Und nun hat er gar nichts anderes mehr zu tun, — in einem Augenblick, da 
die Welt den Atem anhält, und das drohende Kriegsgespenst schon zum ver- 
nichtenden Schlage ausholt — als mich zu fotografieren, von rechts und von 
links, auf der Bank, und unter einem Baum, ach immer und immer wieder, 


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bis endlich der Film zu Ende ist. Dazu baut er bunte fröhliche, phantastische 
Märchenschlösser, die bis in die Wolken ragen und reißt mich mit seinen Zu- 
kunftsbildern aus dem Abschiedsschmerz von Italien heraus, und wir sind froh 
und unbeschwert bis zum Abend. Dann nehme ich Abschied von Fritz. Ich 
muß zum Berliner Zug. Es ist ein ganz fröhlicher hoffnungsvoller Abschied 
von dem letzten der drei „Genueser“, von Dieters Freund. „Bleib tapfer, und 
die Bilder schicke ich Dir bald!“ Er wendet sich um, und ich sehe seine hohe 
schmale Gestalt in der Dämmerung des langen Krankenhausflures untertauchen. 

Und da fällt mir plötzlich der Abend ein, an dem ich Fritz zum erstenmal sah. 
Ich kam aus der Stadt zurück zum Ospedale und klingelte an der Pforte. Es 
stand schon jemand dort, der auch Einlaß begehrte und mich höflich mit 
„buona sera“ grüßte. „Buona sera!“ Es war ein heller Frühsommerabend. Die 
Luft war übervoll von Blütenduft, Vogelgezirp und jener unbeschreiblichen 
Süße, die uns aus dem Norden fast schmerzlich berührt. Alle Farben des 
Südens vom lichten Grün bis zum Purpurrot spielten am Himmel. Ein lei- 
ser Wind fächelte die Oleander im Garten und bog die großen Blütenköpfe 
der Hortensien sanft hin und her. Aus dem Teich aber erklang schrill und 
pausenlos ein Froschkonzert. „Bei uns in Deutschland quaken die Frösche viel 
schöner“, klang da plötzlich eine deutsche Stimme neben mir, die gerade noch 
vor einer Minute so italienisch gegrüßt hatte. Spott durchzuckte mich. Ich 
wollte dem Unbekannten meine Bewunderung über die Feinheit seines patrio- 
tischen Gehörs zum Ausdruck bringen, als ich den Blick hob. Er schaute mich 
versonnen und ganz ernst an und sagte noch einmal in den zauberhaften süd- 
lichen Abend hinein: „Bei uns in Deutschland.“ Es klang wie ein Echo. Da 
verstummte mein Spott und die Schwester kam endlich und öffnete die Tür. 
Fritz aber blieb bei uns als Patient, Dieter, sein Freund, kam, um ihn zu be- 
suchen. Und so begann unsere Zeit. — „Ich schicke Dir die Bilder bald.“ — Ich 
habe die Bilder nie erhalten. Irgendwo auf einem fremden Meer löschte sein 
Leben mit all seiner Sorglosigkeit und Fröhlichkeit aus. Dort ruht er nun und 
Möven und Wogen ziehen über ihn hin. 

Am nächsten Morgen komme ich nach Berlin. Hier reißen mich die un- 
geheuren Erregungswellen der Hauptstadt in einen Wirbel von Gedanken und 
Empfindungen, die nichts mehr mit dem, was hinter mir liegt, zu tun haben. 
Die Würfel sind gefallen. Seit morgens dreiviertel sechs Uhr befinden wir uns mit 
Polen im Kriegszustand. Wie betäubt erreiche ich denHamburgerZug am Lehrter 
Bahnhof. Sonne und Palmen, Meer und Wünsche, ach mehr als das, eine 
ganze Welt versinkt, als der Zug in die Halle des Hamburger Hauptbahnhofes 
einrollt. — 

Im Lazarettzug am 11. März 1942. 

Wir fahren nach Osten. 

Seit Tagen sehen wir nichts anderes als einen tief verhangenen Himmel 
über weiten, weiten weißen Feldern im grauen Licht,und Schnee, Schnee, Schnee. 
Wir blicken zum Fenster hinaus und spüren fast körperlich diese lautlose Ein- 
samkeit und Fremdheit, die sich über das Land ausbreitet. 

Seit Lemberg sind wir Gäste des Lazarettzuges, der leer nach S. fährt, 
um von dort irgendwo Verwundete in die Heimat zu holen. Es geht nur lang- 
sam vorwärts. Oft halten wir stundenlang auf offener Strecke. Transporte 
fahren an uns vorbei und überholen uns. Soldaten blicken zu uns herüber. 
Sie grüßen und winken. Aber wie seltsam zurückhaltend und verschlossen 


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sind ihre Gesichter! Ganz anders als in Frankreich. Ach — Frankreich! Zehn 
Tage sind wir nun schon von Bordeaux mit dem Ziel Charkow unterwegs. 
Wir, die freiwillige Chirurgengruppe, Stabsarzt K. und Stabsarzt P., Leni, 
Toni, Käthe und ich und der kleine Trupp Sanitätsdienstgrade. Am, einem 
frühlingsjungen, besonnten Tage nahmen wir Abschied. Viele erste Veilchen 
brachten die Kameraden uns an den Zug. Wir hatten alle Abteilfenster her- 
unter gelassen, weich und mild strich die Luft zu uns herein. Und wir wink- 
ten, winkten. Auf allen Bahnhöfen, durch die wir fuhren, schrien und lachten 
uns Landser zu: „Wohin wollt ihr?“ „Nach Rußland!“ lachten wir zurück. 
Ja, wir wollten nach Rußland. Zwei Jahre Frankreich war nun mehr als ge- 
nug. Wir saßen in gut ausgestatteten Lazaretten und hatten unsere Arbeit — 
gewiß. Aber der Krieg war nun im Osten, dort war Not und Leid und Arbeit, 
die kaum zu bewältigen war. So hatten wir uns von unserer lieben, altvertrau- 
ten Einheit gelöst — mit Schwierigkeiten zunächst, denn man wollte uns nicht 
fortlassen, und waren nun auf dem \Vege zum Südabschnitt der Ostfront, wo 
die Kampftätigkeit wieder lebhafter geworden sein sollte. — Die Fahrt er- 
scheint uns neidlos und das gleichförmige Rattern des Zuges macht uns mitde. 
Dabei haben wir es gut. Wir können uns auf unseren Betten ausstrecken und 
immer ist etwas Wasser zum Waschen da. Wenn der Zug hält, ziehen wir 
unsere Langschäfter und Pelzjacken über und spazieren ein bißchen auf und 
ab. Wir bleiben aber im Bereich des Zuges, denn sobald wir hinausklettern, 
steigt auch Stabsarzt K., eingemummelt wie der Nikolaus, auf den vereisten 
Bahnsteig herab und steht vor uns: „Nicht vom Zuge weggehen, Partisanen- 
gefahr!“ Er schaut aus seiner ansprechenden Höhe etwas mißmutig auf uns 
herab. Ich glaube, es behagt ihm nicht allzuselr, unser Hüter zu sein. Sicher- 
lich geht ihm dabei ein gewisses Wort nicht aus dem Sinn, das da sagt, daß 
es leichter sei einen Sack Flöhe — — Nun, nun — keine Angst! wir sind sanft 
und friedfertig und nur unserer vier! Außerdem, — wir sprechen es zwar nicht 
aus, liegt, seitdem wir die deutsche Grenze hinter uns haben — etwas auf uns, 
das man gar nicht recht mit Worten benennen kann und das uns doch das 
Atmen und auch die Gedanken ein wenig schwer macht. Angst? Gewiß nicht. 
Vorahnungen? Daran glaube ich nicht.. Es wird das Fremde, Unbekannte sein 
und diese lange Reise auf unbekanntem Raum. Außerdem geht unser Proviant 
zu Ende. Und Dr. P. ißt und tut, als hätten wir gerade eben Verpflegung ge- 
faßt. Er macht sich nie Gedanken über solche Dinge. Er merkt auch nicht, 
daß der grimme Nikolaus seit Tagen behauptet, keinen Hunger zu haben und 
seine Portionen aufs äußerste beschränkt. Leni ist empört: „Sieh nur,” sagt 
sie leise, „wie er wieder schlingt!“ Ich schau ihn an. Er ist ein Holsteiner Bau- 
ernsohn und ich kenne ihn schon lange. Er ist der beste Arzt und jedes Pa- 
tienten wirklicher Freund. Er hat geradezu geniale Hände, und was er anfängt, 
gelingt. Als junger Assistent war er der erkorene Liebling des ganzen Kran- 
kenhauses und wen er mit seinen hellen Augen anlachte, der lachte zurück. 
Und diese hellen Augen sind es, die ich mir jetzt betrachte, und die mir so gar 
nicht mehr gefallen. O, iachen können sie immer noch, und alles Jungenhafte 
ist auf der Stelle wieder da. Aber ist es nicht zu absichtlich dieses Lachen, 
geschieht es nicht jedesmal, wenn er auf etwas Bestimmtes aus ist, so wie z.B. 
im Krankenhaus, wenn er jemanden zum Vertreten brauchte, oder wenn er 
der Sekretärin ein paar Extraarbeiten zuschob, — oder wie jetzt, wenn das 
letzie Stück Mettwurst es ihm so ganz und gar angetan hat? Ach, wir ändern 
uns wohl alle, aber wie sehr, wie sehr hat gerade er sich geändert! „Komm”, 


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zischt Leni mir ins Ohr und sie zerrt mich zu unserem Wagen. „Ich habe 
noch Schokolade, dazu kochen wir uns Kaffee, und er kriegt nichts ab!“ „Und 
Nikolaus?“ „Ach“, sie macht eine abwehrende Handbewegung, „der nimmt 
ja nichts.“ Und damit hat sie wohl recht. Als Leni den Spirituskocher ange- 
zündet hat, sind auch Käthe und Toni ahnungsvoll erschienen. Es dauert nicht 
lange, da sitzen wir auf unseren Betten und halten vorsichtig die Feldbecher 
mit dem braunen Trank in unseren Händen. Der Zug bohrt sich, unablässig 
leise schuckelnd, in die schon beginnende Dämmerung, die sich wie ein Vor- 
hang vor die Fenster legt und uns still macht. Wir lehnen unsere Stimm gegen 
die Scheibe und suchen nach irgend etwas Vertrautem da draußen. Vielleicht 
nach einem Stern am Himmel. Ein Stern, der auch über Deutschland steht. 
Vergeblich! Die Flocken fallen stetig und gelassen, wie gestern, heute und 
wohl alle Tage. Nur manchmal zeichnet sich, kaum noch vernehmbar, das 
schmale Kreuz eines Soldatengrabes von der leuchtendweißen Schneedecke 
ab, und hin und wieder huscht die fremdartige Silhouette eines Panjeschlit- 
tens geisterhaft über eine unsichtbare Straße. Und dann ist ‚nichts mehr da, 
als Rußlands grenzenlose frühe Nacht. 


18. März. 


Nun haben wir endlich S. erreicht und warten auf den Zug, der uns nach 
Charkow bringen soll. 25° Kälte! Wir halten uns solange es geht in einem Holz- 
verschlag auf, dem „Wartesaal“, der durch einen primitiven Ofen und der dicht 
gedrängten Masse von Gepäck, Rumänen, Skiern, russischen Freiwilligen, deut- 
schen Soldaten und Karabinern ein bißchen Wärme hält. Aber die Rumänen, 
die cingehüllt in ungeheure dicke speckige Pelze, heftig gestikulierend auf 
dem unsagbar dreckigen Fußboden liegen oder auf ihrem Gepäck hocken, ver- 
breiten einen derartigen stechenden Geruch, — außerdem läßt dieses dichte 
vor Schmutz starrende Pelzwerk so allerlei vermuten, daß wir doch lieber wie- 
der auf den Bahnsteig hinaus gehen. Aber bald schmerzen unsere Glieder vor 
Kälte, es ist mühselig, zwischen den vereisten Schienen auf und ab zu stamp- 
fen, dazu dieser eisige Wind, der uns die Schneeflocken ins Gesicht schleu- 
dert! Und der Zug kommt immer noch nicht. Schließlich, als wir ganz er- 
starrt, stumpf und müde es aufgegeben haben nach der Uhr zu blicken, und 
uns irgendwie noch abzulenken, kommt ein Zug. Vielmehr eigentlich das 
Wrack eines Zuges gemächlich auf unserem Geleise an. Im Nu geht Bewegung 
durch die müde Menge. Alle suchen fluchend, schimpfend, schreiend nach 
einem Abteil mit heilen Fenstern. Vergeblich! Wir müssen uns mit einem be- 
gnügen, in dem wenigstens noch vier Scheiben ganz sind. „Fahren wir jetzt 
durch bis Charkow?“ Nikolaus lacht grimmig auf: „Wenn wir Glück haben, 
bis Poltawal“ Er streckt seine langen Beine ‚aus, schlägt den Kragen seines 
Mantels noch höher und deutet so an, daß er zu keiner weiteren Auskunft 
mehr bereit ist. Wir hocken frierend und zusammengesunken und ein bißchen 
mutlos auf unseren Holzbänken. Die Lok ist erstmal abgehängt, und die 
Kälte dringt durch die beiden offenen Fenster unbarmherzig herein. Wir ho- 
len mit klammen Fingern Kerzen aus dem Rucksack und versuchen unsere 
Hände an der zuckenden, vom Winde bedrohten Flamme zu wärmen. Irgend- 
woher aus der Dunkelheit des Zuges klingen ein paar Takte auf: „Weit ist 
der Weg zurück ins Heimatland, so weit —“ mutlos bricht die Stimme wieder 
ab. Schließlich öffnet Nikolaus, der mit halb zugekniffenen Augen unseren ver- 
geblichen Wärmeversuchen gefolgt ist — manchmal reizt er mich, wenn er so 


1l 


unbeweglich und mächtig wie ein Fels scheinbar allem Unangenehmen die- 
ser Fahrt zu trotzen vermag, doch dann bin ich wieder dankbar, wenn nur ein 
kleiner Niederschlag seiner. Ruhe und Kraft in meine etwas trostbedürftige 
Seele fällt, — also Nikolaus zaubert ein geheimnisvolles Fläschchen hervor, in 
dem die ganze Sonne Frankreichs und noch etwas mehr eingefangen ist! Es 
läuft wohltuend und wärmend durch die Kehle und eine angenehme Schläf- 
rigkeit senkt sich auf uns herab, als nun endlich die Lok vorfährt und unsere 
Wagen mit sparsamer Wärme speist. 


Poltawa. 


Kommen wir je nach Charkow? Neue Hindernisse, wie kann es auch an- 
ders sein! Hier herrscht Fleckfieber. Alles liegt in Quarantäne. Kein Zug fährt 
nach Charkow. Außerdem sind alle Schwestern wegen Durchbruchsgefahr der 
Russen aus Charkow zurückgezogen. Der Befehl ist noch nicht vom Armeearzt 
widerrufen. Dr. P. ist auf eigene Faust losgegangen, um eine Transporlmög- 
lichkeit aufzutreiben. Wir sitzen im Soldatenheim und bestürmen Nikolaus, 
uns. um Himmels willen hier nicht in Quarantäne zurückzulassen. „Fleckfie- 
ber, Partisanen und der Russe nicht weit, ein ‚bißchen viel, hm?“ knurrt er 
uns an. „Aber wir haben keine Angst!“ Doch Stabsarzt K. hat nichts für hel- 
denmütige Mädchen übrig. Er wendet sich brüsk ab. „Heldenmütig“. Wir 
sind gar nicht heldenmütig. Aber Angst haben wir wirklich nicht. Vielleicht, 
weil wir uns die Gefahren, die dieser unendliche Raum, der Koloß Rußland 
birgt, noch gar nicht vorstellen können, und weil, weil wir so gesund sind, so 
voller Kraft und guten Willens, uns zu bewähren. Aber das können wir dem 
Stabsarzt wohl nur durch die Tat beweisen. Vielleicht weiß er es auch. Er 
trägt schließlich die Verantwortung für uns —, wie soll er sich nun entschei- 
den? Doch diesmal löst Dr. P. das Problem. Er hat eine Lok aufgetrieben, 
die uns mitmimmt. Wir folgen stur unserem Marschbefehl. Das letzte Wort 
mag der Stab in Charkow sprechen. Und so schaffen wir endlich, endlich auch 
das letzte Stück. Am späten Abend treffen wir in Charkow ein. 


22. März. 


Das Lazarett ist überfüllt. Und nicht eine Schwester finden wir vor, 
nur völlig abgekämpfte tieferschöpfte Dienstgrade, die schon wochenlang ohne 
Ablösung arbeiten. Die Lazarettabteilung gehört zur sechsten Armee. Die Ver-. 
wundeten kommen von Bjelgerod dreiunddreißig Kilometer östlich von hier, wo 
die Front verläuft. 

Das ist hier übrigens eine ehemalige Universitäts-Klinik. Ein großer ka- 
stenförmiger Bau, der, — man kann es nicht leugnen, — eine gewisse moderne 
Linie betont. Es fehlen nur ein paar Kleinigkeiten, z. B. der Abfluß bei den 
Waschbecken. Wenn man den Hahn öffnet, plätschert das Wasser durch das 
Becken auf den Boden. Wahrscheinlich eine neue Anlage, die nicht mehr fertig 
wurde. So ist es übrigens mit allen Dingen: die Fenster schließen nicht rich- 
tig, die Türen klemmen, die Wände sind schlecht verputzt, die Heizungen 
funktionieren nicht. Badezimmer und sonstige sanitäre Anlagen stehen in keinem 
Verhältnis zu der großsprecherischen Fassade. Wir sehen später, als wir durch 
die Stadt gehen, überall das Gleiche. Charkow ist eine Stadt der Fassaden, 
ohne Schönheit, ohne Charakter. In meinem Leben habe ich noch nicht 
so eine charakterlose, seelenlose Stadt gesehen. Überall verrät sich schlechte- 


12 


ste handwerkliche Arbeit und billigstes Material. An den prunkvollen Fas- 
saden beginnt schon der Putz abzublättern. Hinter den Fassaden liegt das 
trostlose Nichts einer kranken Stadt. Als der Schnee zu tauen beginnt, steht 
das Wasser tagelang fußhoch in den Straßen. Die Abflußanlagen sind weder 
ausreichend noch stabil. 

Aber zunächst sehen wir wochenlang nichts von „da draußen“. Das La- 
zarett fordert unsere ganze Kraft und Bereitschaft. Ich übernehme eine Sta- 
tion von hundertzwanzig Betten mit Stabsarzt W.—Nikolaus, unser guter Stabsarzt 
K. ist noch nicht am Ende seiner Fahrt. Er ist versetzt zu einer anderenEinheit. Er 
nimmt Abschied von uns und sieht gar nicht mehr so grimmig aus. Ach im- 
mer Abschiednehmen, von irgendetwas, von irgendjemand. Wie oft nun schon 
in diesen drei Jahren! 


April. 


Die Verwundeten kommen, nur notwendig versorgt, zerlumpt, verlaust, 
verdreckt hier an. Und schwer, schwer verwundet. Sie stehen auf Tragen vom 
Vorplatz bis über die Treppe hinauf den Gang entlang, bis zur Tür des Opera- 
tionssaales. Eine ununterbrochene Kette von Schmerzen, Klagen, Ungeduld 
und heldenhaftem Ertragen, die nur eine Veränderung erfährt, wenn einer 
plötzlich still wird. So still, daß man ihn mit seiner Trage herauslöst und 
schweigend in einen kleinen Nebenraum trägt, in dem nur ein mattes Licht 
auf seine anderen stillen Kameraden fällt. — 

Sie sind alle müde und grenzenlos niedergeschlagen. „Da draußen, da ist die 
Hölle!” Die Kopfschüsse toben und sind kaum von den Dienstgraden zu halten. 
Sie reagieren so gut wie gar nicht auf Narkotika. Die Bauchschüsse liegen bleich, 
mit bläulichen Schatten gezeichnet, auf ihren Tragen. In ihren Augen steht eine 
verzweifelte Frage. Die meisten von ihnen wissen um ihre Verwundung. Ihre Lip- 
pen sind hart und spröde, ihr Stöhnen klingt leise, und es ist der peinigende Durst, 
dler sie nicht ruhig werden läßt. Die Lungenschüsse ringen hochaufgerichtet nach 
Luft. Viele von ihnen sind durch den hohen Blutverlust und den Transport 
so überanstrengt und entkräftet, daß sie todmüde aber friedlich auslöschen. 
Dazwischen brüllen die Arm- und Beinverletzten, wimmern die Gesichts- 
schüsse und nur die Wirbelverletzten schauen gelähmt blick- und reglos nach 
oben. Schweigend und apathisch verhalten sich auch die Erfrierungen. Sie 
sind im Augenblick noch ohne Schmerzen, was nachher kommt? Es liegt so 
fern, daran zu denken. — 

Die Dienstgrade und ich gehen von Trage zu Trage, von Bett zu 
Bett. Wir spritzen Morphium und immer wieder Morphium, wir geben 
ihnen zu trinken, wir versuchen sie zu lagern, ja wir versuchen es auch 
mit einem Wort, das nutzlos und überflüssig verklingt, Dr. W. geht mit sei- 
ner großen Gummischürze durch die Reihen und sucht diejenigen heraus, die 
am notwendigsten versorgt werden müßten. Aber er kann ihnen nicht gerecht 
werden. Sein Gesicht ist abgespannt und übermüdet. Leni steht seit Tagen 
und Nächten fast ununterbrochen im Ope. Wir sehen uns kaum und sprechen 
uns gar nicht mehr. Neben den laufenden Transporten, von denen jeder Ein- 
zelne unserer Hilfe bedarf, liegen in den Sälen noch die vielen, deren Zustand 
einen Abtransport nach der Heimat noch nicht erlaubt. Auch sie sind bis zu 
den kleinsten Handgriffen auf uns angewiesen. Wie soll ich es nur noch schaf- 
fen? Ich weiß es nicht mehr. Ein paar Ukrainerinnen haben sich zur Pflege 


13 


zur Verfügung gestellt. Es sind junge kräftige Mädchen mit kindlichen Augen. 
Sie verstehen kein Wort deutsch. Aber sie können die Soldaten füttern und 
waschen, das Kissen aufschütten und wenigstens etwas für Ordnung sorgen. — 


Jeden Morgen, nach einer Nacht von höchstens drei bis vier Stunden Ruhe, 
beginne ich bei den äußersten Zimmern der Station mit einem Rundgang, in 
der Absicht, systematisch von Saal zu Saal zu gehen und wenigstens einen 
Augenblick bei jedem Einzelnen zu verweilen. Es ist nicht möglich. Schon 
brüllt am entgegengesetzten Ende einer pausenlos vor Schmerz. Ich laufe hin 
und gebe ihm Morphium, halte für einen Augenblick seine Hand. Schon ruft 
es draußen: „Schwester Ilse!“ Ein Kopfschuß mit irren Augen begegnet mir 
auf dem Flur. Wir bringen ihn wieder ins Bett. Da werde ich dringend von 
dem kleinen Günther verlangt, der eine schwere Osteomyelitis am Unterschen- 
kel hat. Dr. W. denkt seit Tagen an eine Amputation und zögert nur, weil der 
Junge ihn so sehr darum bittet. Jetzt liegt er wieder schon am frühen Morgen 
mit hohem Fieber in seinem Bett. „Schwester Ilse, Sie wollten mir einen Brief 
schreiben!“ Er greift nach meiner Hand. Immer greifen sie nach unseren 
Händen, die Jungen. Günther ist 19 Jahre alt, hat gerade noch Abitur ge- 
macht und will einmal Jurist werden. Er weiß nicht, wie nahe das Studium» 
schon winkt. Sein :blondes Haar liegt weichgescheitelt an seinem schönen 
schmalen Kopf und seine heißen Augen sehen mich flehend an. Ich muß im- 
mer an seine Mutter denken. Überhaupt bei allen, die hier nun liegen, muß 
ich an ihre Mütter denken. Ein graues Meer von Müttern, deren Söhne nun 
leidend und sterbend in meine Hände gegeben sind. Das ist wie cine große 
Verpflichtung, wie ein Quell, der immer wieder Kraft spendet, wie ein Be- 
fehl: Du darfst nie müde werden! Aber Günther in seiner jungenhaften Kind- 
lichkeit appelliert am allerstärksten an dieses Gefühl, und obgleich ich fast 
keine Möglichkeit sehe, seinen Wunsch .zu erfüllen, verspreche ich doch, heute 
seinen Eltern zu schreiben. Und ich weiß auch, daß ich es schaffen werde. 
Mein systematischer Gang ist nun schon in Unordnung geraten, und ich laufe 
unruhig zu einem Zimmer, in dem der Junge mit dem schweren Lungenschuß 
liegt, der fast nie klagt, und den schon eine so lautlose Stille umgibt, daß mir 
jedesmal der Herzschlag stockt, wenn ich an sein Bett trete, vor Angst, es 
möchte jetzt zu Ende mit ihm sein. Und er soll doch nicht sterben! Da — auf 
halbem Wege — ertönt wieder das Aufbrüllen des Mannes am äußersten Ende 
des Flurs. Was ist nur mit ihm? Ich habe ihm doch eben erst Morphium ge- 
geben. Das Brüllen, es ist wirklich nichts anderes mehr, wiederholt sich, und 
ich laufe den Gang hinab. Die Ukrainerin kommt mir ratlos und ein bißchen 
ungeduldig entgegen. Die Dienstgrade sind seit Tagen nicht mehr ansprech- 
bar. Schleppend erledigen sie die vielen notwendigen Handgriffe an ihren 
kranken Kameraden, sonst sind sie taub und blind für alles, was um sie herum 
geschieht. Es geht wohl nicht anders. Es sind alles ältere Männer. Die Jun- 
gen, oh nein, sie sind nicht alle an den Fronten. In Frankreich z. B. — ach, 
was denke ich jetzt an Frankreich! Ich trete an das Bett des Mannes. Er hat 
einen Oberschenkelschuß, ein Mann in mittleren Jahren mit fahlem Aussehen 
und bösen unruhigen Augen. Sah er gestern schon so fahl aus? Am Verband 
ist kein Blut zu sehen. Ich blicke mich im Saal um. Ach, da ist nicht einer, 
der mir helfen, Auskunft geben kann. Alle liegen sie apathisch, ausgeblutet 
und erschöpft in ihren Betten. Sie kamen mit dem gestrigen Transport und 
haben noch keinen Teil wieder an ihrer Umwelt. Ich fasse den Puls des Man- 
nes — er scheint mir beschleunigt. Ich sehe auf den Flur — Trage an Trage — 


14 


die endlose Kette, wie alle Tage. Dr. W. operiert, an Visite ist noch nicht zu 
denken. Der Mann, der genau mein Gesicht beobachtet hat, und für einen 
Augenblick etwas ruhiger ist, scheint den Abschluß meiner Gedanken zu er- 
raten und beginnt wieder zu stöhnen. Es ist ein zorniges Stöhnen, mehr wie 
voller Ungeduld, als voll Schmerz. Aber der Puls und das Aussehen! Ich ver- 
suche ihn zu beruhigen. „Ich bringe Ihnen noch einmal etwas, und wenn es 
dann nicht besser wird, hole ich den Stabsarzt.“ Ich laufe hinaus und stoße 
gerade auf den Uffz., der im Ope schreibt. „Hören Sie, können Sie nicht einen 
Mann einschieben aus dem Saal, er stöhnt seit einer Stunde fast ununterbro- 
chen. Oberschenkeldurchschuß.“ Der Uffz. holt tief Atem. „Es geht jetzt 
nicht. Der Stabsarzt ist gerade bei einem Bauchschuß, sieben Löcher im Dünn- 
darm, und sehen Sie —“ er weist mit müder Hand auf die Tragen, die die 
Treppe herauf in den Flur quellen. „Versuchen Sie doch, ihn noch ein biß- 
chen zu vertrösten!“ „Aber sagen Sie wenigstens im Ope Bescheid.“ Er nickt 
mir zu und hat bestimmt schon vergessen. Ich aber muß jetzt endlich zu dem 
stillen Jungen. 


Zögernd betrete ich das Zimmer — ja, da liegt er. Den Kopf zur 
Seite geneigt. Sein weißes Gesicht ins Kissen geschmiegt, die Hände leicht 
verkrampft mit bläulichen Nägeln. Liegt er nicht schon seit Tagen so? 
Aber der Mund, dieser bleiche Mund, atmet nicht mehr! Es steigt mir etwas 
heiß in die Kehle. Davor habe ich mich gefürchtet, tagelang! Tagelang hat 
mein Herz gefleht, laß mich bei ihm sein, lieber Gott, wenn er schon sterben 
muß, er ist doch erst siebzehn Jahre. Und nun ist es ohne mich, allein geschehen. 
Nach siebzehn kurzen Jahren! Ich blicke auf die anderen Betten, in denen Kame- 
raden mit Lungenschüssen liegen. Die Kameraden schlafen. Lieber Junge, denke 
ich noch einmal. Dann gehe ich hinaus, — viel zu langsam eigentlich für die 
viele Arbeit — und sage den Dienstgraden Bescheid. Da — ein fast unmensch- 
liches Stöhnen — der Mann da vom! Ich jage hin. Mein Gott, er ist bleicher 
als vorhin, Schweiß steht auf seiner Stimm und der Puls ist klein und rast. Ich 
rufe zwei Dienstgrade. „Der Mann muß nach vorn!“ „Jetzt?“ „Jetzt!“ Mür- 
risch holen sie eine Trage, setzen sich dann aber doch schneller in Bewegung, 
als sie den Mann sehen. Sie sind ja nicht ohne Mitleid, nur stumpf und müde. 
Ich atme auf, als sie mit dem Verwundeten im Ope verschwinden. Was hat 
er nur, mein Gott, was hat er nur? Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Hier 
in Rußland nicht, und in Frankreich schon gar nicht. Ich mache sein Bett zu- 
recht und gehe weiter durch die Zimmer. Immer wieder blicke ich auf den 
Flur, er kommt noch nicht zurück. Ein paarmal bin ich auf dem Wege zum 
Ope. Ich komme nicht an den Tragen vorbei. Die Verwundeten werden un- 
ruhig, weil es nicht weiter geht und haben Wünsche, Schmerzen, Durst. Da 
auf einmal steht Stabsarzt W. vor mir. Ich fühle, daß ich bleich werde. Es ist 
etwas geschehen. „Wie lange hatte der Mann Schmerzen?“ „Seit gut einer 
Stunde.“ „Gasbrand! Tot.“ Er wendet sich um ohne ein weiteres Wort, ja ohne 
mich anzublicken und läßt mich erstarrt zwischen den Tragen stehen. „Gas- 
brand! Tot!“ Mein Gott, bin ich schuld? Ich habe nie Gasbrand erlebt. Zur 
Examenszeit haben wir darüber gehört, vor und nachher nie mehr. „Gasbrand! 
Tot!“ Spielen dann nicht Minuten eine Rolle? Ich bin schuld! Ich bin also 
schuld! Ich habe mich nach Rußland gemeldet, habe hier einfach eine Station 
übernommen, ohne meine Fähigkeiten vorher prüfen zu lassen. Mit meiner 
Gesundheit, meiner Kraft habe ich geprahlt, aber den Umfang meiner Kennt- 
nisse wohlweislich verschwiegen. Wenn der Mann gleich in den Ope gekom- 


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men wäre und man hätte den Oberschenkel amputiert, hätte er gerettet werden 
können. — Dann hätte er gerettet werden können! Jetzt ist er tot und ich bin 
schuld. Und der Stabsarzt! „Gasbrand! Tot!“ Umgewendet und hinein in den 
Ope. Kein Wort, kein Blick. 

Lieber Gott, o lieber Gott im Himmell 

Am Nachmittag sitze ich an Günthers Bett und schreibe zwei Briefe für ihn. 
Einen an die Eltern, einen an den Freund. Günther wird nun morgen ampu- 
tiert. Sein Gesicht ist gefaßt und die krampfhafte Tapferkeit macht es noch 
kindlicher und hilfloser. Ich schreibe an den Freund: — — — „Und wenn Du 
dann in Tübingen einen stud. jur. prud. zur Universität an Krücken humpeln 
siehst, mein Lieber.“ — Tübingen, denke ich, Tübingen! Einmal saßen wir auf 
der Mauer des alten Schlosses, das jetzt Jugendherberge ist. Durch das vom 
Winde leicht bewegte Geäst der alten Bäume fiel das Sonnenlicht und malte 
fließende Ornamente auf den Boden. Lautenspiel und Lieder schwangen durch 
die sommerliche Luft und niemand ging an Krücken dort umher. „Warum 
schreiben Sie denn nicht?“ Günther schreckt mich aus meinen Gedanken auf 
und guckt mich vorwurfsvoll an. Er hat nun ein Schicksal, der kleine Günther 
mit seinen neunzehn Jahren. Er muß sein Bein hergeben. — Für’s Vaterland, Gün- 
ther? Das wenigste, was er verlangen kann, ist daß seine Schwester sein Schick- 
sal beachtet. Ich blicke ihn an: „Du wirst studieren, Günther!“ Er nickt. Aber 
das alles ist noch fern; nah, schwer und unvorstellbar ist das Morgen. Morgen, 
wenn die Sanitätsdienstgrade mit der Trage kommen und ihn in den Ope 
holen, wo er sein Bein lassen muß. „Den Unterschenkel, Du behältst das Knie.“ 
„Werden Sie“ — er würgt nun doch ein bißchen, „werden Sie bei mir sein, wenn 
ich aus der Narkose aufwache?“ „Natürlich, Junge“ (kann ich denn das ver- 
sprechen? „Gasbrand — tot“, oh, ich habe so viel gutzumachen, ein ganzes Leben 
langt wohl nicht). Ich adressiere seine Briefe und nehme sie mit hinaus. Günther 
blickt mir mit fiebernden Augen nach. Am nächsten Morgen wird der Unter- 
schenkel amputiert. Ich sitze tatsächlich an seinem Bett, als er erwacht und 
mich mit einem Blick anschaut, daß mir das Herz weh tut. Doch plötzlich bäumt 
sich etwas in ihm auf, zu lange hat er sich beherrscht und der Zom, der Zom 
entleert sich auf mich. „Sehen Sie mich doch nicht so mitleidig an!“ stößt er 
außer sich hervor. Ohol Mitleidig, mein Lieber? Ich habe mich schnell gefaßt. 
„Ich werde Dich einmal durch die anderen Säle führen. Blind, mein Junge, keine 
Augen, keine Hände, die Gesichter ohne Kinn, ohne Kiefer, ohne Nasen. Ver- 
stümmelt! Kameraden von Dir, Jungen wie Du. Du wirst zur Uni gehen, wirst 
lernen, lernen, wirst eine Zukunft haben. Und sie werden in Heil- und Pflege- 
anstalten gebracht werden, die sie nie wieder verlassen — zukunftslos und hoff- 
nungslos!“ — Günther ist wieder ruhig geworden. Es ist wohl eher die Narkose 
als meine Predigt, die ihn wieder einschlummern läßt. Aber vielleicht hat er 
doch das Bild der alten Universität des schönen Schwabenlandes mit in den 
Traum genommen. Sein Gesicht ist jetzt ganz entspannt. — Ein paar Tage später 
ist Günther fieberfrei und bleibt es auch. Er ist für den nächsten Heimattransport 
vorgesehen. Eines Tages packe ich seine kleine Habe und geleite ihn bis zum 
Sankra. Er läßt meine Hand nicht los. „Ich werde Sie nie vergessen!” — Nein, 
sowas vergißt man wohl nicht. — „Grüße Deutschland!“ sage ich leise. Wir sagen 
es jedesmal, wenn sie abfahren in die Heimat. 


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30. April. 


Nun bin ich acht Tage krank gewesen. Acht Tage flutete der Strom der Arbeit 
an der Tür meines Zimmers vorbei und berührte mich nicht. Ich hatte über 39° 
Fieber, und als ich aufstehen wollte, fing der Fußboden unter meinen Füßen an 
sich zu heben und zu senken und alle Dinge um mich herum begannen zu fließen. 
Da legte ich mich wieder und eine wohltuende Apathie schloß mich von allem 
um mich herum ab. Leni schaute mal herein, und einmal kam Stabsarzt W. mit 
Gummischürze und einem müden Lächeln. Ich forschte in seinem Gesicht, da 
ist ja etwas, was ich nicht vergessen kann. Aber schon stand ein Dienstgrad in 
der Tür. „Herr Stabsarzt der Bauchschuß“ und schon schloß sich die Tür wieder. 
Ruhe — Stille — Stille. 


2. Mai. 


Es ist Frühling geworden in Rußland. Unser Lazarett ist fast leer. Laufend 
haben Lazarettzüge unsere Verwundeten in die Heimat geholt. An der Front 
herrscht Ruhe. Die Stille vor dem Sturm. Charkow steht im Zeichen der zu erwar- 
tenden Frühjahrsoffensive. Hier scheint sich nun die ganze sechste Armee zu kon- 
zentrieren. Das Straßenbild ist überflutet von Einheiten aller Waffengattungen. 
Panzer rollen schwer und dröhnend pausenlos in die Stadt hinein. Die unge- 
heuren Truppenansammlungen, das milde Frühlingswetter und die ersehnte Ruhe: 
geben uns alle Hoffnung und allen Frohsinn wieder. Ach, einmal wird der Krieg 
zu Ende sein und dann wird alles gut werden. 

Leni und ich schlendem jetzt öfter durch die Stadt. Ueber Leni ist eine 
seltsame Ruhelosigkeit gekommen. Dauernd plant sie irgendetwas. Stundenlang 
kann sie die Somnishaja auf- und abwandern, sich an den spärlichen Auslagen 
der wenigen Geschäfte und an den schmutzigen verstaubten Küchenfenstern der 
kleinen Cafes ergötzen. Immerzu kommt sie mit neuen Plänen heraus. Käthe und 
Toni leben ganz für sich und verlassen nur selten das Lazarett. Sie sind älter 
und ruhiger als wir, und sie brauchen wohl das Ausruhen jetzt notwendig für 
den kommenden Einsatz. Aber wir beide durchschreiten Charkow von allen 
Seiten und suchen sehnsüchtig nach irgend einer verborgenen Schönheit, einem 
unentdeckten Stückchen Wunder. Aber wir finden nichts. Gestern waren wir 
im Zoo. Es war die Vorstellung von Büschen und Bäumen, von schwellenden 
Knospen und ein paar Vogelstimmen, die uns zu diesem Ausflug verleitete. 
Wären wir nur nicht hingegangen. Es waren noch Tiere im Zoo. Ein wohl sehr 
alter, bis auf die Rippen abgemagerter Bär lag an einer Kette hinter den verro- 
steten Gittern eines Käfigs. In seinen trüben kranken Augen lag der dumpfe und 
gequälte Ausdruck der gefesselten Kreatur. Ich riß Leni zurück, wir liefen aus 
dem verwahrlosten Park und mußten doch noch an dem kleinen Affen vorbei, der 
fast ohne Fell, halbtot im dunkelsten Winkel seines engen Käfigs hockte. Das 
ganze war wie ein böser Angsttraum. Maßlos niedergeschlagen gingen wir dem 
Stadtkern zu. — 

Die Einwohner kommen jetzt in der Wärme der ersten Frühlings- 
tage langsam aus ihren Wohnlöchern heraus. Sie hocken, in Lumpen ge- 
hüllt, manchmal stolz und manchmal bettelnd auf den Treppenstufen oder leh- 
nen sich gegen die Hauswand. Es sind meistens Frauen. Ihre Haare haben sie 
unter einfachen Kopftüchern schmucklos verborgen, ihre Füße stecken in unför- 
migem, häufig zerrissenein Schuhzeug. Um sie herum scharen sich die Kinder. Sie 
tragen meistens ausgedientes Militärzeug und sind blaß, so blaß, wie Kinder 


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niemals sein dürften. Mit fremden, ernsten Augen blicken die meisten um sich. 
Sie spielen nicht, sie toben nicht. Wie kraftlose kleine Puppen hocken sie auf 
dem Gestein und nur ihre Hände, die schmutziges Brot halten, verraten etwas 
Leben. Manchmal halten die Mütter sie zum Betteln an. Sie setzen sie auf ein 
warmes Stückchen Erde ins Sonnenlicht und gehen ihrer Arbeit nach. Die Klei- 
nen aber bleiben unbeweglich hinter der schmutzigen Pelzkappe sitzen, die mit 
der Oeffnung nach oben die Almosen auffangen soll. Der Krieg ist grausam und 
das Leben ist grausam, und was wir sehen ist noch wenig genug davon. Was 
alles mag sich noch in den endlosen Häuserkasernen verbergen. Wieviel Hunger 
und Krankheit, wieviel Sorgen und Leid auch um Vermißte, Verschleppte, Ver- 
urteilte des eigenen Regimes? Fast alle unsere russischen Lazarett-Helferinnen 
haben irgendeinen Angehörigen, der nach Sibirien verbannt ist, oder einen lie- 
ben Menschen, der ihnen schon bis Kriegsbeginn vor den Augen verschwand und 
nicht wieder auftauchte. Sie senken ihre Stimmen, wenn sie davon erzählen, 
aber ihre schmalen Augen, über den breiten Backenknochen, blicken über uns 
hinweg in die unermeßliche Weite ihres Landes hinein. Das Gespräch endet 
jedesmal mit jenem bezeichnenden Achselzucken und dem einen Wort, das ihre 
ganze Lebenseinstellung charakterisiert: Nitschewo. 


Ein kleines Wunder ist die Blumenfrau, die wir heute nachmittag, trafen. 
Sie ist alt und müde, wie fast alle Frauen ihres Landes erscheinen, aber in ihren 
Korb trug sie ganze Bündel von Männertreu. Kleine blaue Blüten irgendwo auf 
einem feuchten Waldboden gepflückt. Daß man sich so nach Blumen schnen 
kann! Neulich träumte ich vom Meer. Es war blau und ohne Grenzen. Seine 
Wellen trugen mich im ausgelassenen Uebermut. 


Leni schleift mich auch ins Theater. Dabei besteht zwischen dem Theater 
und dem Zoo kein großer Unterschied. Wir sahen ein Ballett von Tschaikowski. 
Rußlands Ballett hat einmal Weltruf gehabt. Nun tanzten auf der Bühne, von 
der es, dank der brüchigen Kulissen, durch das ganze Theater eisig zog, frierende, 
ausgemergelte und’ elende Ukrainerinnen. Ihre Kostüme waren zerschlissen und 
so kläglich und phantastisch zusammengefügt, daß sie fast grotesk wirkten. Über 
ihre tänzerische Grazie kommt im Zuschauerraum keine Freude auf, weil der 
Hunger, der auf ihren übermalten Gesichtern steht — und zwar ein Hunger, der 
nicht durch kleine Gaben zu stillen ist — jeden künstlerischen Genuß überdeckt. 

Nein, auch ins Theater gehe ich nicht mehr! 

Heute erfahren wir inoffiziell, daß die zweite Armee am Ilmensee einge- 
schlossen ist. In der Armee sind Mecklenburger und Niedersachsen. Bange Sorge 
und bedrückende Stimmung herrschen im Lazarett. 


Dieter? 

Als ich hierher kam, wehrte ich mich gegen die leiseste Regung des Gedan- 
kens, daß einmal irgend etwas geschehen könnte, das meine ganzen frohen Zu- 
kunftspläne in Frage stellen oder gar zertrümmern würde. Ich sah den Krieg 
als ein Hindernis, das zu nehmen ist, als eine Bewährungsfrist, die abläuft und 
dann eine Fülle von weitgespannten Aspekten auf ein reiches buntes Leben frei 
gibt. Fast unmerklich ist das anders geworden. Ich kann nicht mehr an das 
„später“ glauben. All die vielen, die ich sterben sah, die Tausende, die an den 
Fronten fielen, glaubten doch auch so fest wie ich .an ihre Pläne, ihre Liebe und 
an das Leben. Und dann kam der Tod. Wir sind dem Krieg und seinem Schick- 
sal guadenlos ausgeliefert. Hoffen, ja hoffen können wir noch — aber glauben 
nicht mehr. — 


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21. Mai 42. 


Am 8. Mai begann die Offensive auf der Krim. Am 13. Mai kam es zur Ge- 
genoffensive im Raum von Charkow und traf die unvorbereiteten Stellungen hart. 
Schwere Verluste auf unserer Seite. Das Lazarett, das völlig geräumt war, ist in- 
nerhalb von achtundvierzig Stunden überfüllt. Diese achtundvierzig Stunden 
haben wir durchgearbeitet mit entschlossenen Gesichtern. Am 13. Mai ist die 
russische Panzerspitze nur noch 12 km von Charkow entfernt. Einige Verwun- 
dete schleppen sich zu Fuß hierher. Die meisten befinden sich noch im Schock. 
In ihren Angst- und Fieberdelirien erleben sie noch einmal das wahnsinnige 
Entsetzen, das sie anpackte, als sie die ungeheuren Massen von russischen Pan- 
zern gegen die deutschen Linien anrollen sahen. Ja, das Ungeheuer, der unend- 
lich tiefe, unheimliche Raum Rußlands, hat seinen Rachen geöffnet und speit 
nun pausenlos Panzer aus, die in breiter Front Tod und Vernichtung bringen. 
Am Abend und in der Nacht kommen die Ratas und werfen Bomben über der 
Stadt ab. Krachend ertönen die Detonationen in unserer Nähe Die Verwun- 
dleten sind unruhig. Es kommt ein Geheimbefehl für die Sanitätsoffiziere, Alarm- 
stufe Il Wir laufen, helfen, trösten, verbinden morgens, mittags, abends, nachts 
una wieder morgens. Und Qual, Verzweiflung, Stöhnen und Sterben erfüllen das 
Lazarett von Neuem. Die Bombenangriffe werden stärker. Einige Dienstgrade 
lassen nervös die Verwundeten im Stich und eilen nach dem Keller. Ich ver- 
binde einen jungen Offizier, der seinen Arm verloren hat und mit blassem Lä- 
cheln mir den Stumpf hinhält. In dem Augenblick krachen mehrere Einschläge 
in nächster Nähe. Der Luftdruck preßt die Türen ein, Glas zerschellt auf dem 
Boden, Mauerwerk poltert herab. Das Licht löscht aus. Irgend jemand im 
Parterre schreit gellend und anhaltend, daß es durch das ganze Haus hallt. Ich 
bin fertig mit Verbinden und lausche einen Augenblick unbeweglich auf das 
Schreien hinaus. „Haben Sie Angst?“ Tiefes Befremden klingt aus der Stimme 
des jungen Leutnants. „Angst?“ wiederholte ich. Ja, vielleicht habe ich Angst. 
Nun ist es also soweit, daß ich auch schon Angst habe. Aber plötzlich steigt 
ein Zorn in mir hoch. Darf ich denn schließlich nicht auch einmal Angst haben? 
Bin ich denn eine Maschine, oder siebzig Jahre alt, daß es gleich ist, ob ich heute 
oder morgen davon gehe! Ich möchte noch ein bißchen leben, Herr Leutnant! — 
Aber ach, so hat er es wohl gar nicht gemeint, und ich bin nur zomig auf mich 
selbst. Als es ruhig geworden ist, laufen wir in den Garten. Das Schwestern- 
haus ist getroffen. Eine Bombe ist in die Waschküche gefallen, ihr Schaden ist 
gering. Doch schon folgen neue Abwürfe und wir laufen ins Haus zurück. Die 
Sanitätsoffiziere werden zum zweiten Male zum Chef gerufen. — 


Ich treffe Leni auf dem Flur. „Was ist eigentlich los? Hast Du etwas im 
Ope gehört?“ Leni zuckt die Schulter „Nichts“. „Laß uns doch mal auf Dr. P. 
warten, er muß ja gleich wiederkommen.” Ja, da kommt er schon die Treppe 
herauf gesprungen. Sein Gesicht ist endlich einmal tief verschattet ohne jedes 
Lachen — jenes Lachen, das ich nicht mag. Und ich bia für einen Augenblick tief 
zufrieden darüber! Aber schon hellt es sich wieder auf, als er uns beide mit 
fragenden Augen vor sich sieht. „Herr Dr., was ist los?“ Er guckt uns an — und 
tatsächlich — der Mensch lacht! „Geheimbefehl!“ und man liest ihm das Ver- 
gnügen an unserer spannenden Neugierde direkt von den Augen ab! „Komm“, 
sage ich empört zu Leni, und wir lassen ihn einfach stehen, und wenden uns 
unserer Arbeit zu. Als ich mich fast unabsichtlich noch einmal nach ihm um- 
blicke, da sehe ich, wie er sich mit wieder ganz ernstem Gesicht über ein paar 


19 


Verwundete neigt, die ihn mit bangen Augen anblicken, und kameradschaftlich 
und begütigend mit ihnen spricht. Eigentlich, denke ich, eigentlich ist er doch 
ein ganz netter Mensch. 


Am nächsten Tage lassen die Fliegerangriffe plötzlich wieder nach. 
Nun hört man deutlich in der Ferne das Toben der Schlacht. In der 
Nacht steigen Dr. P., Leni und ich aufs Dach, um einen Augenblick 
Luft zu schöpfen. Rings am Horizont ist der Himmel flammendrot. Ab und zu 
stehen sekundenlang Leuchtkugeln senkrecht im Raum, und hin und wieder 
reißt das Aufblitzen der Geschütze das Dunkel der Nacht auf. Immer noch hallt 
— wie ein fernes Gewitter — das dumpfe Dröhnen des Schlachtenlärms wider. 
Doch klingt es nicht mehr so nahe wie am Tage. Und nun erzählt uns Dr. P., daß 
man gestern große russische Transportflugzeuge beobachtet hatte und mit einer 
Landung von Luftlandetruppen innerhalb Charkow gerechnet wurde. „Darum 
waren Sie also so vergnügt?“ frage ich trocken, und Leni schüttelt mißbilligend 
ihren Kopf und sieht ihn vorwurfsvoll an. „Wir wollen lieber jetzt Kaffee trin- 
ken“ meint er und sieht schon wieder aufreizend vergnügt aus. Ich glaube, er 
gehört zu den Menschen, deren Lebensgefühl bei Gefahr und in heiklen Situa- 
tionen emporschnellt, wie die Quecksilbersäule eines Fieberthermometers bei 
41° Fieber. — 

Wir steigen hinab und irgendwie ist's uns leichter zumute, obgleich 
wir noch nicht wissen, wie es zur Zeit um die Schlacht steht. Käthe, blaß 
und ruhig wie immer, füllt die Kaffeetassen und auch Toni ist schnell einmal 
herauf gekommen. Nie sah ich einen gutmütigeren Menschen als Schwester 
Toni. Immer, wenn ich sie angucke, muß ich an ein Faß denken, an ein rundes 
behagliches Faß, aus dessen Oeffnung ein dicker unversiegbarer Strom von 
Gutmütigkeit quillt und der alles um sich herum mit Gutmütigkeit tränkt. Man 
ist hingerissen von soviei Qualität. Man kann auch gar nichts Böses denken, 
geschweige denn sagen, wenn sie mit ihren kleinen Augen, die in einem Ge- 
sicht stehen, das ganz unbestimmt in ‚seinen Konturen ist, und in dem ailes 
ineinander zu fließen scheint, uns freundlich und arglos anblickt. Tonis geistige 
Fähigkeiten“sind nicht hervorstechend. Wozu auch! Sie hat immer die Leicht- 
verwundeten und denen ist sie die allerbeste Schwester. Liebe gute Tonil 


Ich blicke zu Leni hin. Welch ein Kontrast, denke ich und muß ein bißchen 
in mich hinein lachen. Sie ist grazil, doch kräftig gebaut. Ihr Gesicht ist gut 
geschnitten, vielleicht ein bißchen herb. Sie ist springlebendig und von einer 
leidenschaftlichen Hingegebenheit an das Leben. Ihre dunklen Augen spiegeln 
ununterbrochen die wechselvollen, vielfältigen Eindrücke ihrer Erlebnisse wi- 
der. Und manchmal entzünden sich tief drinnen fröhliche, boshafte Lichte, 
die ich so liebe. Wie schwer wäre es, Rußland ohne Dich zu ertragen. Der 
braune Trank hat uns munter gemacht. Es ist vier Uhr morgens, und der helle 
Tag steht schon vor den Fenstern. Dr. P. und ich wollen schnell Visite machen. 
Beschwingt gehen wir durch die Säle. Die Frischversorgten liegen nun er- 
schöpft, aber doch leidlich zufrieden, in ihren weißen Betten. Einige, die es 
nicht so schwer getroffen hat, blicken erstaunt auf mich. Erst jetzt merken sie, 
daß wir auch da sind. Dr. P. und ich müssen lachen. Und plötzlich teilt sich 
allen eine stille Heiterkeit mit: „Schwestern hier vorn, dann kann es ja nicht so 
schlimm um Charkow stehen!“ 


Und nach drei Tagen kommen die ersten guten Nachrichten mit den Ver- 
wundeten zu uns: „Es geht vorwärts, der Russe weicht langsam zurück.“ Wir 


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atmen tief, tief auf. Dann sind doch alle Opfer nicht umsonst gewesen. Ich bin 
für einen Augenblick so froh, daß ich herunter in den Garten muß. Nur eine 
kleine Weile, denn meine Füße sind angeschwollen, daß mir das Gehen schwer 
fällt. Drei Tage und drei Nächte voll ununterbrochener Arbeit liegen hinter uns, 
und in diesen drei Tagen hat sich im Garten ein Wunder vollzogen: alle Knospen 


sind aufgesprungen, alle Hecken blühen, süßes zartes Birkengrün rieselt zu silbri- 
gen Stämmen herab. Osterglocken haben ihre Kelche geöffnet und die Luft ist so 
weich und mild, daß sie mich taumelnd macht. In den drei Tagen, in denen sich 
das Donnern der Geschütze, die Detonationen der Bomben mit dem Schreien 
und Stöhnen tausender Verwundeter und Sterbender vermischte, in denen die 
Steppe zur Hölle wurde, Ströme von Blut die fremde Erde durchtränkten, in 
denen Hoffnungslosigkeit, Angst und Verzweiflung, Gefangenschaft und Tod das 
\aß des Leides übervoll machten, in diesen drei Tagen ist der späte, blühende 
Frühling über die russische Erde gekommen. Er hat das häßliche Stückchen 
Gartenland in die flimmernde, schimmernde Pracht des Lenzes getaucht. Ich 
muß die beiden holen, daß sie es mit ansehen, es ist zuviel, zu überwältigend 
für mich allein. Ich suche Dr. P. und Leni, die müde im Ope sitzen. „Draußen 
ist alles grün“, sie schauen mich verwundert und ungläubig an. „Ja, auch die 
kleine Birke hat Blätter bekommen!“ „Aber sie war doch vor einigen Tagen 
noch ganz kahl!“ Leni glaubt es einfach nicht. Aber ich bringe. sie doch dazu, 
mit hinunter zu kommen. Und dann stehen sie da: schweigend, aufs Tiefste 
betroffen und beinahe wie lauschend, als seien geheimste und zarteste Saiten 
in ihnen zum Schwingen gebracht. Und voller Andacht vor diesem beglücken- 
den Frühlingswunder von fast göttlicher Deutung. Leni schmiegt ihr blasses, 
übernächtistes Gesicht an den Stamm der kleinen Birke. Ich neige mich zu 
einer Osterglocke herab und umfasse sanft ihren gelben Kelch, Dr. P. aber löst 
mit sachten Fingern ein Stückchen rostigen Drahts, der sich im Gezweig der 
jungen Hecke verschlungen hat. Wir sind so bewegt, daß wir uns voreinander 
schämen und allein nacheinander ins Lazarett zurückgehen. 


30. Mai. 


Am 2. März bei einem Sturmangriff auf der Krim ist Dieter gefallen. 


14. Juni. 


Kertsch ist genommen, die Kesselschlacht um Charkow längst geschlagen. 
Die Lazarettzüge sind mit unseren Verwundeten in die Heimat gerollt. Mit 
schweren Verwundungen, mit Arm- und Beinstümpfen verluden wir sie. Aber 
in allen Gesichtern stand die Freude über die gewonnene Schlacht, an der sie 
Teil hatten. — Und in ihren Augen leuchtete Glaube und Hoffnung auf den 
Sieg. Manche mögen nicht mehr. Sie sind dankbar für ihre Verwundung und 
wollen nie mehr hinaus. Es kann nicht jeder ein Held sein. Und als sie an ihrem 
Platz standen, taten sie ihre Pflicht so gut wie alle anderen auch. Das Lazarett 
ist nun leer, und wir warten auf unseren Marschbefehl. Charkow ist tiefste Etappe 
geworden. Unsere Truppen marschieren schon jenseits des Dons — immer tiefer 
in das unermeßliche Land hinein, immer weiter fort von Deutschland. Eines 
Tages werden wir ihnen folgen. Die Straßen sind angefüllt mit Soldaten, weib- 
lichen Wehrmachtsangestellten, Staub und Hitze. Wir sind müde und unlustig. 
Unsere Gedanken gehen nach Westen — nach Westen. 


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23. Juni. 


Heute soll ein Fest gefeiert werden. Der Armeearzt hat Geburtstag und 
die J.azarette sind zum Kaffee eingeladen. Die Luft ist warm, aber der Himmel 
ist bedeckt. Im Garten stehen die Tische schon gedeckt. Berge von frisch- 
gebackenen Kuchen türmen sich neben Glasschalen voller Schlagsahne, dicker 
fetter Schlagsahne! Mir wird übel beim Anblick dieser Herrlichkeiten. Und 
überhaupt, wo kommt der viele Kuchen her! Außerdem tut mir der Hals weh 
und meine Abneigung gegen Trubel und Festlichkeit steigt minütlich. Die 
Gäste strömen mit „ah“ und „oh“ herein. Offiziere, Mannschaften, Schwestern 
mit frischen weißen Blusen, wie wir auch. Gereizt gehe ich neben Leni zwischen 
den Tischen herum und begrüße bekannte Gesichter. Wenn der Kuchen nur 
nicht so duftetel Ich blicke zum Himmel auf und bemerke tief zufrieden das 
dunkle Gewölk, das sich langsam von Westen her näher schiebt. Ein plötzlich 
aufzuckender Gedanke belustigt mich für einen Augenblick: Bald werden 
schwere Regentropfen hemiederfallen, alle werden aufgescheucht ihre damp- 
fenden Kaffeetassen im Stich lassen und versuchen, die Tische mit der Kuchen- 
pracht in den überdeckten Vorraum des Lazaretts zu retten. Aber der Regen 
wird schneller sein als sie. Er wird im Nu den Zuckerguß abwaschen, in die 
weiten Poren des lockeren Teigs eindringen und das duftende Gebäck in eine 
klägliche, unansehnliche Masse verwandeln, die nicht mehr zu genießen ist. 
Dazu wird die Schlagsahne verwässern. Die Schalen werden überlaufen und 
kleine fettige Rinnsale auf dem Tischlaken bilden. Und alle frischgebügelten 
schneeweißen Blusen werden große Regenflecke haben! Ich teile, noch immer 
erfreut, Leni meine Gedanken mit. Sie schaut mich von der Seite an: „Wollen wir 
gehen, Du siehst ziemlich schlecht aus!“ Ich nicke. Sie rafft schnell noch mit 
geschickter Hand ein paar Stückchen Kuchen vom Tisch. Dann verlassen wir 
den Garten. Plötzlich denke ich: Warum ist sie denn eigentlich mitgegangen? 
Sie, die Tumult und Feste, und auch Kuchen so sehr liebt? Ich blicke zu ihr 
hin und plötzlich wallt in mir ein ganz warmes Gefühl für sie auf, wie sie so 
selbstverständlich und ruhig da neben mir hergeht. Sie hat meinen Blick ge- 
fühlt. Nun sehen wir uns wortlos an und lächeln beide. - 


Am Abend tut mir der Hals so weh, daß ich kaum noch schlucken kann. 
Ich liege unbeweglich im Bett und mag mich nicht rühren. „Eine Angina“, 
tröstet Leni „das geht schnell vorbei!“ „Wir melden das nicht, Lenil“ „Ach wo”, 
sagt sie und kriecht kuchenüberwältigt und müde ins Bett, und bald höre ich 
ihre ruhigen Atemzüge. 

Aber am nächsten Tag ist es noch viel schlimmer mit mir. Viel mehr als 
der Hals schmerzt der Kopf. Ich wende mich zur Wand und mag nichts mehr 
hören. Der Regen plattert gegen das Fenster, und ich denke mit schmerzlicher 
Sehnsucht an den regennassen blanken Asphalt der Hamburger Straßen, in denen 
sich am Abend alle Lichter der Geschäfte spiegeln. Einmal kommt es mir so vor, 
als hätte sich Leni jetzt am Tage aufs Bett gelegt. Das tut sie doch sonst nicht? 
Aber um nichts in der Welt drehe ich mich von der Wand fort. Am Abend geht 
sie schweigend ins Bett. Diese Rücksichtnahme ist mir beinahe zuviel. Doch 
das Fieber streut heute Bilder über mich, und ich komme nicht recht zum Nach- 
denken. Ich schlafe unruhig, und wenn ich wach bin, weiß ich nicht recht, ob 
ich nicht doch schlafe. Darum bin ich mir auch nicht darüber klar, ob Leni 
wirklich zwei oder dreimal das Zimmer verläßt und mit leisem Stöhnen jedesmal 
wieder nach einer Weile aufs Bett sinkt. Erst als sie am nächsten Morgen nicht 


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aufsteht, bin ich wach und gespannt. „Leni, was hast Du?“ „Blutige Durch- 
fälle!“ „Seit wann?“ „Gestern morgen“, seufzt sie matt. Leni! Gott — sie wird 
doch nicht. — „Du, Leni, was meinst Du, wenn wir uns jetzt beide krank mel- 
den?“ „Auf keinen Fall“, sträubt sie sich etwas lebendiger, „das ist doch alles 
nichts besonderes. Wie geht es denn Dir?“ „Schlecht“ — Der Küchenunteroffizier 
kommt, blickt herein und fragt auf sächsisch, ob wir etwas zu essen oder zu 
trinken wollen. Wir heben abwehrend die Hand. Nur nicht sprechen. Ab und 
zu wankt Leni hinaus und kommt mit tiefblassem Gesicht wieder. Flüchtig 
denke ich mal an unsere schlechten sanitären Anlagen. Dann schlafe ich wie- 
der ein. Und wenn ich wach bin, wünsche ich, daß sie uns nur alle in Ruhe 
lassen! Wenn nur niemand kommt! Die gewissenhafte Käthe läßt verständnislos 
die Drohungen, niemandem etwas zu sagen, über sich ergehen. Aber sie schweigt 
und kocht uns ratlos, jedesmal wenn sie hereinguckt, Tee. Doch als sie dann 
nach vier Tagen noch nicht die geringsten Zeichen der Besserung an uns entdeckt, 
da schrecken sie auch unsere schwach gewordenen Drohungen nicht mehr. Sie 
geht zum Truppenarzt. Stabsarzt R. ist Internist. Er kommt sofort, und er 
kommt grollend. Seine Blicke gehen drohend — ach und uns ist so elend — von 
einem Bett zum andcren, bleiben aber besonders an Leni haften. Leni ist ge- 
reizt, das ist ebenso wenig wie das Grollen, das in seiner beherrschten Stimme 
schwingt, zu überhören. Unsere Auskünfte sind knapp und matt. Er ordnet in 
erster Linie Untersuchungen, Abstrich usw. an und verläßt uns, immer noch nicht 
in geringsten besänftigt. „Hast Du ihn Dir angeguckt, Ilse?“ Sie hat sich so- 
gar auf die Ellbogen gestützt und schaut zu mir herüber. „Ich habe den Ein- 
druck, daß er nicht das geringste Mitleid mit uns hat.“ Aber ich habe auch das 
unangenehme Gefühl, das einen befällt, wenn man plötzlich ahnt, daß man 
etwas verkehrt gemacht hat. Na, und Leni da drüben, der ist schon gar nicht 
wohl in ihrer Haut. — 

Sehr schnell kommt nun — im ganzen sind wir sechs Tage krank — das Ergeb- 
nis und mit ihm ein Mordskrach: Leni hat Ruhr und ich habe Diphterie. Am 
selben Abend, als der Befund da ist, bringt man mich noch zum Feldlazarett 
am Stadtrand, und zum ersten Mal sind wieder russische Flieger über uns. 
Leni aber kommt auf Stabsarzt R’s Station in ein kleines Zimmer. Sie allein 
trifft nun der göttliche Zorn des Gewaltigen, und bis zu ihrer Entlassung er- 
fährt sie nicht viel Freundliches von seiner Seite. 


25. Juni. 


Nun liege ich hier im Feldlazarett und warte auf meinen Genesungsurlaub. 
Vor meinem Fenster sehe ich ein paar spärliche Bäume, deren Blätter grau und 
verstaubt an den Aesten kleben. Aber wenn die Sonne durch die Zweige fällt, 
dann gibt es doch ein Spiel von Licht und Schatten, das mich so sehnsüchtig 
an Alleen mit hohen Bäumen, stille Parks und einsame Waldwege erinnert. Ach, 
ich muß jetzt meine Zeit abliegen. Dabei geht es mir gut, und mit meiner Gc- 
duld ist es nicht weit her. Ab und zu kommt Leni. Es ist ein weiter Weg vom 
Lazarett hierher und dazu glühend heiß. Sie bringt mir Erdbeeren mit, die sie 
für vieles Geld erstanden hat. — Oh, wenn ich zu Hause bin, dann werde ich 
nur Obst essen, und baden, baden und Obst essen. Vielleicht werde ich auch 
beides zusammen tun, damit ich über das eine das andere nicht versäume! — 
„Wirst Du wiederkommen?“ fragt Leni. Ich gucke sie erstaunt an, — wie blaß 
und schmal sie geworden ist! Irgendwie hat diese Krankheit ihr einen Stoß ver- 
setzt. Etwas Unfrohes liegt über ihr, was fremd ist. Und Stabsarzt R’s unnach- 


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giebige Unfreundlichkeit bohrt noch in ihr. Sie bringt es durch empörtes Ge- 
schimpfe über ihn zum Ausdruck. Wenn sie nur schimpft. Aber diese früheren, 
scheinbar unerschöpflichen Tiraden, sind jetzt schnell beendet. „Wenn Du Diph- 
terie gehabt hast, kannst Du in der Heimat eingesetzt werden!“ Sie sagt es bei- 
nahe überredend und versinkt dann tief in Gedanken. Was ist nur mit ihr! „Ich 
käme nicht wieder.“ „Ach Leni, Du kämest auch wieder. Du bist ja viel zu treu, 
als daß Du irgendetwas im Stich ließest!“ „Außerdem“ — ich setze es abwägend 
und nicht ganz überzeugt hinzu, „haben wir uns einmal freiwillig gemeldet.“ — 
„Aber wann fährst Du auf Urlaub?“ Wenn sie doch etwas froher würde. „Sobald 
ich Nachricht von Rolf habe.“ Rolf ist ihr Verlobter, ein junger Arzt, der auf 
einem Verbandsplatz im Mittelabschnitt emgesetzt ist. „Wir wollen heiraten!“ 
Auch das klingt so weit, weit weg. „Und dann bleibst Du zu Hause und wischst 
jeden Morgen Staub! Und wir siegen inzwischen“, lache ich sie an. Nun lächelt 
sie doch: „Vielleicht komme ich wieder?“ Dann nickt sie mir müde zu und 
geht. Nein, mit Leni ist nichts mehr los. Und irgendwie habe ich Angst um sic. 


16. Juli. 

Ich fahre nach Deutschland! 

Der Zug rollt durch die Ukraine. Hoher Sommer liegt über dem grenzen- 
losen Land. Der Duft des reifen Kornes und der Erde kommt beglückend zum 
Fenster herein. Unendliche Kornfelder heben sich hell und ruhevoll von der 
satten Bläu&e des Himmels ab. Unermeßlich ist der Reichtum der schweren 
Aehren, die sich leise hin und her wiegen. Zwischen den blanken Halmen leuch- 
tet das Blau der Kornblumen, flammt das Rot des Mohnes hervor. Schmetiter- 
linge taumeln durch die flimmernde Luft und das schimmernde Gold der Fel- 
der verschmilzt zärtlich mit dem lichten Blau des sommerlichen Himmels an 
einem weit gespannten Horizont. Und dann kommen Sonnenblumen, Millionen 
von Sonnenblumenköpfen heben ernsthaft und fromm ihre Blumengesichter 
der Sonne entgegen. — Und es ist als schwinge aus ihren Blumenkelchen ein 
„Credo“ zum Lichte empor. Ihre dottergelben Blumenblätter, die wie Sonnen- 
strahlen das warme Braun ihrer Mitte umkränzen, beben leise. Kräftig und saf- 
tig leuchtet das Grün ihrer großen Blätter. Ach, ist das schön — wie ist das 
alles schön! Gibt es noch diese entsetzliche Stadt, diese Stadt, die keine Seele 
und kein Antlitz hat? Die schattenlos und gnadenlos der unbarmherzigen Hitze 
des Hochsommers ausgeliefert ist? Ach, ich will nicht mehr an Charkow denken, 
drei Wochen mit keinem Gedanken in Rußland sein! 


— — —- — — — — — — —— — 


25. August im Zuge. 


Glühender Mittag über Rußland. Wir fahren und fahren. Längst liegt 
Charkow hinter uns. Weiter nach Osten — der Wolga zu — liegt unser Ziel. Müde 
sitzen Mannschaften und Offiziere in allen Stellungen auf den kurzen Holz- 
bänken. Müde vom Fahren, von Rußland, vom Krieg. 

Als ich in Charkow auf der Frontleitstelle nach meiner Einheit fragte, hielt 
ein älterer Feldwebel mich auf dem Gang an. „Kehren Sie um, Schwester“, 
sagte er, „Ihr Lazarett liegt fast 500 km östlich von hier. Dort gehören keine 
deutschen Mädchen mehr hin.“ Ich blicke den Mann verständnislos an. Er 
gab den Blick fest und mit einem fast düsteren Ernst zurück. „Aber ich 


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komme aus dem Urlaub, das ist meine alte Einheit dort“, versuchte ich zu 
erklären. „Ja, ja“, plötzlich sah er alt und müde aus und ging grußlos davon. 
Mehr bestürzt als empört verließ ich die Dienststelle. Was sollte das? Ich 
begriff es nicht. — Es ist mir dieses Mal so schwer geworden, von Hamburg 
wegzufahren. Immer wieder sehe ich die Stadt vor mir, wie ich sie am letz- 
ten Tage erblickte: grün schimmert das Patina der alten Türme im Sonnen- 
licht, die Ziffern der großen Uhr des Rathauses funkeln und sprühen alle 
Sonnenstrahlen wider. Das Wasser der Alster gluckst leise an das Ufer und 
hat ein Stückchen blaßblauen Großstadthimmel eingefangen. Blumenrabat- 
ten in der ganzen fröhlichen, hochsommerlichen Farbenpracht leuchten hier 
und dort inmitten des flutenden Verkehrs. Und Sosch! Sie steht auf dem 
Bahnhof und winkt und winkt! Sosch — Gefährtin, Freundin, Kameradin, Schwe- 
ster. — Wie soll ich sie. nennen? Ach, sie ist mir mehr als das alles. Sie ist der 
Inbegriff der Heimat. 

Und nun fahren, fahren, fahren wir nach Osten: 500 km noch einmal 
tiefer in das Land hinein. Zum Rande Europas! Gibt es von da noch einen 
Weg zurück? 


27. August. 

Auf der Bahnstrecke nach Ostrogosgek. 

Wir sind fünfundzwanzig Kilometer hinter der Front von Woronesch. 

Ein klarer sonniger Morgen steigt auf und läßt das Grauen der Nacht 
schon wieder unwirklich erscheinen. Über der Steppe bis zum verschwimmen- 
den Horizont liegt ein feiner Dunst. Seit drei Tagen geht es nun mit Güter- 
wagen vorwärts. Langsam, ach so langsam. Die Vormarschstrecke ist ver- 
stopft und wird außerdem immer wieder durch Partisanen und Flieger ge- 
stört. Gestern begann schon am frühen Morgen der Beschuß eines Verpfle- 
gungszuges in unserer Nähe. Am Abend lagen wir immer noch an der glei- 
chen Stelle. Die Wachen wurden verstärkt, die schweren Türen der Güter- 
wagen bis auf einen kleinen Ritz zugezogen. Durch diese Ritzce schimmerte der 
Sternenhimmel herein. Wir kamen nicht zur Ruhe. Erst lauschten wir lange 
auf das Peitschen von Gewehrschüssen und dann kamen die Bomben. Die 
ganze Nacht waren sie über uns und warfen Bomben auf die Bahnstrecke. 
Einmal trafen sie einen Munitionszug. Bis zum Morgen erklang das Donnem 
der Explosionen. Ich lag am Boden des Güterzuges und preßte meine Hände 
gegen meine Ohren. Mein Herz hämmerte und ich dachte, daß diese Nacht 
nie zu Ende gehen würde. Meine Angst galt nicht so sehr den Partisanen als 
diesen Bomben, diesen pausenlosen Einschlägen, die unberechenbar waren 
und denen man einfach, ohne die geringste Möglichkeit, sich zu wehren, aus- 
geliefert war. Wenn man bei der Einheit ist, empfindet man solche Gefahren 
doch längst nicht so stark, als wenn man so allein und fremd mit einem Zuge 
fährt. Ich bin die einzige Schwester zwischen den vielen Soldaten. Soldaten, 
die so wenig sprechen, als bedeutete jedes Wort eine Überwindung, und die 
so still und starr aus dem fahrenden Zug in das Land blicken. Was jubeln 
nur Presse und Rundfunk so über unseren eiligen siegreichen Vormarsch! Sie 
sollen doch still sein zu Hause! — 

Jetzt müssen wir bald in Ostrogosgek sein. Von dort geht ein LKW-Pendelver- 
kehr bis zur Benutzung der nächsten Bahnstrecke. Wir fahren dann einglei- 
sig mit der russischen Bahn weiter. Dieser Güterwagen ist die letzte Verbin- 
dung mit dem zivilisierten Westen. Unsere Lazarettabteilung liegt in B. im 


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Raum von Stalingrad. Man hofft, daß diese große Industriestadt in den näch- 
sten Tagen fällt. Wir sind dreckig und müde. Denken, klares gutes Denken 
gibt es nicht mehr. — 


P., 6. September. 


Die russische Bahn, hohe grüne kastenförmige Züge, die mich an Bilder 
aus der Jugendzeit unserer Eisenbahn erinnern, bringt uns nur bis Millerowo. 
Dort ist sozusagen die Welt zu Ende. Es gibt dort weder Bahngeleise noch 
Züge noch sonstige Einrichtungen für den Transport. Jeder muß sehen, wie 
er weiterkommt. Aber erstmal sitzen wir noch in diesen unsagbar dreckigen 
Wagen, in denen man sich aus Angst vor Schmutz und Ungeziefer kaum be- 
wegen mag. Ich habe mir mit Papier und Schuhbürste einen Platz auf dem 
breiten Trittbrett gesäubert und atme nun wenigstens nicht die stickige — 
wie mir scheint — durchseuchte Luft des Zuges. Der Vormarsch ging zu rasch 
und die nachfolgenden Einheiten, die ein unheimliches Stück Arbeit an Or- 
ganisation und Materialbeschaffung zu leisten haben, kommen nicht so schnell 
nach. Außerdem werden immer wieder Nachschubzüge mit Truppen, Mu- 
nition und Waffen vorgeschoben. — 


In hämmerndem Rhythmus singt der Zug immerzu die eintönige Melodie: 
Nach Osten! Meine Augen wandern über die Steppe und werden müde an 
ihrer grenzenlosen Monotonie. Manche Landser haben schon wieder Fieber 
und Bauchschmerzen. Sie liegen lang auf dem Boden und die Krämpfe kom- 
men und gehen wie Koliken. Ihre Gesichter sind bleich. Andere Kameraden 
von ihnen machen sich über ihre Marschverpflegung her, als wollten sie sich 
noch einmal von ganzem Herzen satt essen: Es ist anzunehmen, daß sie mit 
der Verpflegung schneller fertig sind, als mit der Reise. Es ist merkwürdig, 
wie kindlich diese Männer in solchen Dingen sind. Sie müßten sich doch we- 
nigstens das Brot einteilen. Aber nein, es wird aufgegessen und — der liebe 
Gott — der Kamerad — oder auch eine R.K.-Schwester helfen schon weiter. 
Ach ja, diesmal ist es eine D. R. K.-Schwester, die sich nur allzugern ihres 
Ballastes entledigt. Das Brot ist schon hart und die Leberwurst in der Büchsel 
Man denke: Leberwurst!! 

Wir kommen in Millerowo an. Es ist eine Ortschaft, die aus drei Panje- 
hütten, einer deutschen Dienststelle und jenem Endstation-Bahnhof besteht, 
der gerade nur angedeutet ist. Ringsherum ist sie von der Steppe umgeben. 
Ich blicke um mich, und alle Soldaten, die steif und müde aus dem Zug her- 
ausklettern und über das Geleise stolpern, tun dasselbe Wir sehen keinen 
Baum, keinen Strauch. Wir sehen ein bißchen verdorrtes Steppengras und 
Sand, Sand und nochmals Sand. — Ich gehe zur Dienststelle, zeige meinen 
Marschbefehl und frage, wie ich nach B. kommen soll. Ich habe eine Vor- 
stellung von einem sauberen, vertrauten, zuverlässigen Sankra. Der junge Uffz. 
gibt mir den Schein zurück: „Sie müssen sich von einem Fahrzeug mitnehmen 
lassen, das zum Einsatz fährt, — dort hinten verläuft die Vormarschstraße.“ 
Er weist mit seiner Hand in irgendeine Richtung. Ich blicke gar nicht auf. 
Meine Augen haben sich müde an der Erbsensuppe festgesogen, die vor mir 
auf einem Spirituskocher brodelt. „Versuchen Sie erst einmal zum Lazarett- 
Stab nach Ostrogosgek zu kommen. Haben Sie noch zu essen?“ fragt er plötzlich. 
Er hat meinen immer noch auf die Erbsensuppe gerichteten Blick bemerkt 
und einfach und unkompliziert. auf Hunger geschlossen. Im Nu hat er ein 
Kochgeschirr gefüllt, einen Löffel herbeigezaubert und mir alles mit einem 


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Stuhl zugeschoben. Nein, vorher — es ist wirklich wahr — füllt er mir eine 
winzige Waschschüssel mit kostbarem Wasser und reicht mir ein Handtuch. 
Ich wasche mir die Hände —, eigentlich die erste echte Freundlichkeit seit 
Hamburg — muß ich denken, und sehe dann auf das Kochgeschirr. — Guter 
Gott, Erbsensuppe! Draußen sind 33° Wärmel Ich blicke auf und sehe in 
die erwartungsvollen Augen des Jungen: „Essen Sie, Schwester“ muntert er 
mich noch einmal auf, „Sie haben noch weit.“ Und was ich selbst noch vor 
ein paar Sekunden für unmöglich hielt, ich tauche meinen Löffel in das Koch- 
geschirr und esse Erbsensuppe in meinen leeren aufrührerischen Magen hin- 
ein und sie bekommt mir gut. Ich bedanke mich und gehe nur den Soldaten 
nach, die sich in Abständen an der Vormarschstraße postieren und auf Fahr- 
zeuge warten. Als eine Zugmaschine, die nicht voll besetzt zu sein scheint, 
schwerfällig heranrollt, trete ich ihr entgegen und der Fahrer hält. Zwei Offi- 
ziere legen die Hand an die Mütze: „Wohin?“ „Nach Ostrogosgek.“ „Steigen Sie 
bitte ein, aber vorsichtig, die Handgranaten sind geschärft.“ Ich falle auf einen 
weichgepolsterten, mit Leder bezogenen Sitz. Das Ungetüm zieht an und die 
Ketten graben sich in den Sand, daß der Staub aufwirbelt. Lange fahren wir 
schweigend durch diese trostlose Wüste. Ab und zu ziehen — riesige Staub- 
wolken vor und nach sich aufwerfend — Panzer an uns vorbei. Eine Ko- 
Ionne Infanteristen, grau und ganz mit Staub überdeckt, kämpft sich müh- 
sam und müde, ach so müde, am Rande der Straße durch kniehohen Sand. 
Dann ausgebrannte Panzer, halbverweste Pferdekadaver, Soldatengräber, ein 
oder zwei leere Panjehütten, sonst nichts, gar nichts anderes als Sand und Wol- 
ken. Aber diese Wolkentürme nähern sich jetzt plötzlich schnell. Die Sonne 
ist verschwunden und das lautlose Land in plötzliche Schatten getaucht, atmet 
eine fast spürbare Feindseligkeit. Der Fahrer blickt unruhig zum Himmel. 
„Ein Sandsturm? Wir müssen machen, daß wir nach T. kommen!“ Und eben 
haben wir die Dienststelle erreicht, da bricht der Sturm los. Der Himmel ist 
schwarz und ungeheure Mengen Sand werden empor gerissen und wieder auf 
die Erde geschleudert. Dieser Sand durchdringt alle Ritzen, alle Spalten, alle 
Fugen und Löcher der Panjehütten. Im Nu ist der Fußboden mit Sand be- 
deckt. Auf den Tischen, auf den Stühlen, in den Haaren, in den Kleidern, 
in den Augen und zwischen den Zähnen Sand, Sand, Sand! Wir stehen schwei- 
gend in dem düsteren Raum und blicken hinaus auf das bösartige feindliche 
Toben der Steppe, über der noch vor kurzer Zeit eine Stille lag, die fast weh 
tat. Aber dieses ist schlimmer. Dieses ist fremd und furchtbar und von einer 
unheimlichen Eindringlichkeit. Es ist als hätte die ganze fremde Erde sich 
drohend gegen uns erhoben. — Als es wieder heller wird, besteigen wir die 
Maschine. — „Es ist nun nicht mehr weit“, der Major wendet sich mir zu, 
„aber sagen Sie, was wollen Sie eigentlich hier?“ Diese Frage hat ihm wohl 
schon lange auf der Zunge gelegen. Während der ganzen schweigsamen Fahrt 
habe ich seinen seitlich forschenden Blick gespürt. Was ich hier will! 
Ich bin nun zehn Tage unterwegs, habe mehr als wenig geschlafen und 
meine Augen brennen vor Müdigkeit und Sand. Und nun noch diese Frage! 
„Glauben Sie, Herr Major, daß ich zu meinem Vergnügen, aus Sensations- 
lust oder zum Heiraten hierher gekommen bin?“ Alle drei wenden sich jetzt 
mir zu und für einen Augenblick ist die Starrheit ihrer apathischen Gesichter 
gelöst. Und auf dem Gesicht des Majors steht es beinahe wie ein Lächeln. 
„Nein“, sagt er und sieht mich ruhig an, „aber“ — er zögert etwas und macht 
dann eine beinahe unwillige Kopfbewegung, „Sie sollten nicht hier vorne sein. 


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Hier gehören keine Schwestern mehr hin. Sie können hier auch nicht helfen“, 
setzt er noch leise hinzu. „Ich war in Charkow und während ich auf Urlaub war, 
wurde meine Einheit verlegt“, sage ich müde. Alle drei Gesichter sind nun wie- 
der teilnahmslos der Steppe zugekehrt und meine Worte fallen klanglos und 
vielleicht nicht einmal vernommen ins Leere. — Lieber Himmel, denke ich, 
was ist das nur. Sagte nicht schon einmal jemand unterwegs etwas ähnliches? 
Immer sind wir mit Jubel begrüßt worden, wo wir auch auftauchten, und im- 
mer haben sie uns als eine der ihrigen betrachtet. Nie hat bisher einer zu 
mir gesagt: „Was wollen Sie eigentlich hier!“ Mich fröstelt. Ich weiß nicht, 
was das bedeutet. Aber ist es nicht wie eine Abwehr, wie eine erhobene Hand: 
zurück — hiermit müssen wir Männer allein fertig werden! Ach, ich bin zu 
müde, um darüber nachzudenken, außerdem ist es fast ohne Übergang dunkel 
geworden und wir müssen nun bald am Ziel sein. Da tut sich auch schon eine 
kleine Talmulde vor uns auf. Undeutlich erkennt man im Lichte des schmalen 
Mondes Umrisse von Zelten und Hütten. „Das Lazarettdorf Ostrogosgek. Flier 
liegt Ihr Stab!“ Sie reichen mir alle drei ohne Lächeln die Hand und legen sie 
dann an die Mütze. Der Major läßt etwas in meine Manteltasche gleiten und 
sagt, als ich schon draußen stehe: „Kommen Sie einmal gesund nach Deutsch- 
land zurück!“ Sie fahren weiter zum Einsatz — Richtung Stalingrad. — Es 
ist ein Apfel, ein kühler, glatter, herrlicher Apfel, den meine Hand in der 
Manteltasche umspamnt. 


Todmüde mache ich endlich im Schein der vielen kleinen Häuser Frau 
Oberin ausfindig. Bei dem Licht einer einzigen Kerze hockt sie schreibend 
auf einer Kiste in einem Raum, der scheinbar Schwestern-Eßzimmer ist. 
Denn auf dem Tisch stehen ein paar Teller, richtige Teller! „Guten abend. 
Frau Oberin.“ Sie blickt langsam auf, und: ich kann den Ausdruck ihres Ge- 
sichtes in dem unbestimmten Kerzenlicht nicht erkennen. „Ach, Schwester 
Ilse!“ Sie erhebt sich und reicht mir die Hand. „Endlich! Wie lange waren Sie 
unterwegs?“ „Vierzehn Tage.“ „Vierzehn Tage“, wiederholt sie. „Sie müssen noch 
weiter. Nach P. Etwa 83 km von hier!“ „Heute abend noch?“ „Ja, ja — man 
wartet auf Sie, die Schwestern kommen nicht mehr durch, da vorne.“ „Und 
wie komme ich nach P.?“ „Mit einem Sankra!“ Ich trete ans Fenster und sche 
auf die vielen Zelte hinaus, die Wand an Wand gespannt sind. „Liegt dort 
alles voll?“ Ich deute auf die Zelte. „Alles!“ „Aber es kommen doch Jau- 
fend —“ ich stocke. — Lazarettzüge habe ich sagen wollen, und das gibt ces 
hier ja nicht mehr, — „Maschinen — Jus, die sie mitnehmen?“ Eine kleine 
Pause entsteht. Ich blicke Frau Oberin an, der Raum ist voller Schatten, wie 
kann man hier nur schreiben? „Die Ju nimmt die mit, die transportfähig und 
voraussichtlich zu heilen sind.“ „Also ist alles voll dort?“ „Also ist alles voll 
dort!“ sagt sie hart. „Und der Nachschub, Verbandszeug, Medikamente, Instru- 
mente, Kerzen?“ Die kleine zuckende Flamme macht mich ganz nervös, wenn 
wenigstens zwei Kerzen brennen würden. „Wir bekommen keinen Nach- 
schub, es ist alles knapp.“ Ihr Mund ist bitter. „Post?“ „Selten!“ Nein, ich 
will jetzt nichts mehr fragen, ich will heute nichts mehr wissen, ich habe nur 
noch einen Wunsch. Ruhe! Schlaf, Schlaf. „Übrigens“, Frau Oberin sagt es 
ganz obenhin, „werden Sie sich daran gewöhnen müssen, in ihren Kleidern 
zu schlafen. Da vorn ist immer Alarmbereitschaft. Der Russe —“ wieder 
krümmt sich ihr Mund, „macht fast jede Nacht Durchbruchsversuche! — 
Wollen Sie etwas trinken?“ Sie geht zu einem Kanister und füllt einen Becher 


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mit heißem deutschen Tee, der aber einen kräftigen Schuß Alkohol enthält. 
„Danke“, sie fragt mich nicht, ob ich etwas essen will. Hier scheint kein 
Mensch mehr Hunger zu haben! „Ich sehe jetzt nach dem Sankra!“ Sie wen- 
det sich um und ich mache eine Bewegung, als wollte ich ihr folgen. „Frau 
Oberin —“ Sie blickt sich fast ungeduldig um, „und wie steht es mit Stalin- 
grad?“ Sie sieht mich für Sekunden starr und kalt an, dann wendet sie sich 
brüsk ab: „Ich weiß es nicht.“ Ich bleibe allein zurück. Ich starre auf die 
unruhigen Schatten, ich zähle die Teller, ich trete ans Fenster, ich gehe auf 
und ab, auf und ab und blicke wieder in die Nacht und zu den hohen Sternen 
empor. — Man muß abwarten, denke ich, man muß alles mit eigenen Augen 
sehen. Morgen, wenn es wieder hell ist. Ich setze mich auf die Kiste und 
sinne dieser Frau nach, Oberin eines ganzen Armeebereiches, die eine Ver- 
antwortung trägt, die ihre Kräfte übersteigt, und jetzt nur noch Bitterkeit und 
Kälte hat, um sich zu wehren. Ich kenne sie vonCharkow.Sie besuchte uns manch- 
mal, eine schr gepflegte, gewandte und geistreiche Frau, von der aber nicht 
die geringste Wärme ausging. Meine Gedanken gehen schnell und sehnsüch- 
tig zu unserer Oberin in der Heimat. Wieviel Klugheit und Güte spricht aus 
ihrem fast zarten Gesicht, wieviel Wärme und sanfte Energie aus ihren 
Augen. Und ihr Herz strahlt eine Jugendfrische aus, die alle Jugend wieder 
anzieht. Sie ist erfüllt von einer bedingungslosen Hingabe an ihr Werk, an 
ihre Arbeit. Und dieses Werk sind wir. OÖ, ich verehre sie tief. Und wie sel- 
ten findet man einen Menschen, den man verehren kann. — 

Frau Oberin kommt zurück, der, der Sankra ist da. „Bleiben Sie gesund!“ 
Ihr Händedruck ist fest. — Ich fahre durch die nächtliche Steppe nach P. 


P., den 18. September 


P. ist genau so ein Lazarettdorf wie Ostrogosgek. Es liegt an einem schmut- 
ziggelben Fluß, der träge durch sein halb ausgetrocknetes Flußbett zieht, und 
uns die einzige Möglichkeit zum Waschen unserer Wäsche und uns selbst gibt. 
Außerdem geht auch hier die Vormarschstraße vorbei. Unaufhörlich wirbeln- 
der Staub zeigt an, daß sie pausenlos befahren und begangen wird. Ebenso 
pausenlos werfen russische Flieger aus sehr großer Höhe Bomben ab, die stets 
rechts oder links von der Straße in das Steppengras fallen. Die Zelte und 
Panjehütten sind mit Verwundeten überfüllt. Die Zahl derjenigen, die mehr- 
fach in der Woche für die Ju zum Heimattransport ausgesucht werden, ist ge- 
ring. Die Schwestern sind überarbeitet, stumpf und still, als seien sie am Ende 
ihrer Kraft. Ihre Kleider hängen um ihre Gestalten herum, als gehörten sie 
ihnen nicht. Alles ist knapp, wie Frau Oberin schon sagte, Verbandszeug, In- 
strumente, Geschirr, Kerzen und die Verpflegung. Der Nachschub fehlt. Un- 
ser Tag beginnt morgens um vier Uhr und endet spät in der Nacht. Um drei 
Uhr geht schon die Sonne unter und dann tappen wir durch die Dunkelheit 
von Zelt zu Zelt, von Hütte zu Hütte, stolpern über Konserven, fallen in 
Bombentrichter und können nichts erkennen.. Die Dunkelheit ist an man- 
chen Abenden undurchdringlich. In der ersten Zeit habe ich oft die Orien- 
tierung verloren und bin lange Zeit hin- und hergeirrt, ohne zu wissen, wo 
ich war. Neulich kamen ein paar junge Schwestern hier an, die überhaupt 
zum ersten Male im Kriegslazarett eingesetzt wurden. Sie meldeten sich der 
Oberschwester und wollten zum Schwesternhaus. Als wir alle spät von den 
Stationen kamen, vermißten wir sie. Sie wurden lange gesucht. Sie waren in 


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die Steppe gelaufen, hatten die Richtung verloren und saßen nun ergeben im 
Steppengras — verlorene Schäfchen — am Rande der Verzweiflung. — Hätten 
wir wenigstens ein paar Taschenlampen-Batterien. Aber nichts, nichts! Ker- 
zen löschen fast sofort aus. Außerdem müssen wir auch sparsam damit sein. 
Wenn wir von Station kommen, gehen wir fast augenblicklich zu Bett und lö- 
schen das Licht. Nur ab und zu hockt noch einmal jemand vor der Kerze und 
sucht die feinen Nähte der Wäsche und Kleider nach Kleiderläusen ab. Sie 
sind farblos und immer so gut verborgen, daß es unsagbar mühevoll ist, noch 
in der Nacht danach zu suchen. Wir haben es fast alle aufgegeben. Häufig 
werden Alarmstufen angesagt. Aber wir hören kaum darauf. Wie oft kom- 
men wir nachts nicht aus den Kleidern. Und unsere Sachen sind sowieso in 
den Koffem und Rucksäcken. Wir haben keine Betten, sondern liegen auf 
Strohsäcken am Boden. Am Tage plagen uns Fliegen und der Sand, und in 
der Nacht das Ungeziefer, vor allem Flöhe. An den Sand muß man sich 
gewöhnen, man kann nichts dagegen tun. Er ist überall, durchdringt alle Rit- 
zen und nistet so gut in den Poren unserer Haut wie in den Trommeln und 
Instrumentenkästen. Der Begriff der Asepsis ist lächerlich geworden. Ich 
habe eine ganze Weile versucht, gegen diesen feinen, hartnäckigen, staubähn- 
lichen Quälgeist anzugehen. Ich habe immer wieder morgens meinen Gummi- 
kragen weiß gerieben, meine Schuhe blank geputzt. Wenn ich einen Schritt 
vor die Tür getreten war, lag sofort eine schwarze feine Schicht auf dem Kra- 
gen — von meinen Schuhen ganz zu schweigen. Die Augen sind immer leicht 
entzündet. Aber schlimmer, viel schlimmer sind die Fliegen. Sie sind in sol- 
chen Massen vorhanden, daß man sich ihrer nicht erwehren kann. Wenn ich 
morgens das Frühstück richten will, habe ich erst einmal zu tun, all die toten 
Fliegen, die auf dem Tisch liegen, zusammenzukehren und mit einem großen 
Tuch bei geöffneten Fenstern und Türen die herumsummenden heraus zu ja- 
gen. Dann, nachdem ich Brot geschnitten habe, ist der Tisch schon wieder 
fast schwarz. Ich nehme den Honig heraus, ausgerechnet gibt es seit Tagen 
nichts anderes als Kunsthonig, im Nu ist der gelbe Würfel über und über mit 
Fliegen bedeckt. Ein schwarzes, surrendes, klebriges Etwas, das Übelkeit 
erregt. Es gelingt mir nicht, sei es Käse oder Schmalz auf das Brot zu strei- 
chen, ohne jedesmal die klebenden und nie dienenden Tiere einzeln von der 
Schneide zu entfernen. Ich nehme einen sauberen Becher aus dem Schrank 
und fülle ihn mit Tee, — man hat ja immer Durst hier — das Werk von Se- 
kunden. Ich hebe den Becher an meine Lippen und stelle ihn angeekelt zu- 
rück, Fliegen, der ganze Tee schwarz von Fliegen. Und sie summen, summen, 
summen! Und nun eıst die Plage bei den Verwundeten! Sie liegen stumpf 
und besinnungslos im ihren Betten. Die Verbände haben sich verschoben — 
Zeitungspapier ist nicht so schmiegsam wie Zellstoff — und an den Wundrän- 
dern, ja in den tiefen Eiterhöhlen kriechen Fliegen. Sie setzen sich auf die 
stillen eingefallenen Gesichter und auf die Hände, die zu matt sind, sich ihrer 
zu wehren. Ja, sie kriechen in die Nasenlöcher und in die Ohren und Mün- 
der, als seien sie schon alle tot, die hier liegen. Und sie surren, summen, sum- 
men! Man wird halb wahnsinnig dabei und weiß nicht mehr, wie man diese 
leidenden, oft schon vom Tode gezeichneten Männer vor diesen entsetzlichen 
Tieren schützen soll. Wir haben zu wenig Mulltücher und können nur die 
Sterbenden damit bedecken. Und bald sind auch die verbraucht. Was nun? — 
Was nun? — Ich frage es mich hundertmal am Tage, bei hundert verschiedenen 
Dingen und niemand gibt mir Antwort. — 


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Ein Verwundeter zittert und bebt im Schüttelfrost, seine Zähne schlagen 
aufeinander vor Kälte. Eine Wärmflasche! Der Mann muß doch wenigstens 
eine Wärmflasche haben. Ich laufe ins Haus und hole sie aus der Kiste her- 
vor. Heißes Wasser, du lieber Himmel, wo kriege ich heißes Wasser her? 
Ich frage einen Dienstgrad, der bleich an der Hauswand lehnt und der sich 
gerade erbrochen hat. Auch er ist offenbar krank. „Ich hole Ihnen Wasser 
vom Fluß, Sie müssen inzwischen dort Feuer machen!“ Er greift nach einer 
Konservendose, beinahe schon Universalgefäß für jegliche Verwendung und 
deutet auf ein Erdloch, das ich bisher noch gar nicht beachtet habe. 
Ich betrachte es nun näher und begreife, daß das ein Feuerloch ist, 
und die beiden Eisenplatten wahrscheinlich den Rost bedeuten. Aber 
womit, lieber Himmel, womit soll ich denn Feuer machen? Es ist doch nicht 
das Geringste vorhanden. Ich schlage irgendetwas aus Holz entzwei, was mir 
in die Hände gerät! Ich laufe suchend in das Zelt, — der Verwundete wim- 
mert und weint wie ein kleines Kind — und finde in der Kiste noch ein paar 
Papptafeln, ehemalige Kurvendeckel, und entfache endlich verzweifelt ein 
Feuer. (Später komme ich dahinter, daß der getrocknete Pferdemist von der 
Vormarschstraße dazu genommen wird.) Nun brennt mein Feuer und der 
Dienstgrad kommt nicht vom Fluß zurück! Aber doch, er kommt und sicher 
glaubt er, daß er sich sehr beeilt, denn sein Gesicht ist krank und angestrengt aber 
voll guten Willens. Wir setzen die Konservendose auf den Rost, und als das 
Wasser heiß und die Wärnflasche gefüllt ist, liegt der Mann in Fieberglut, aber 
ruhig in seinen Kissen. Der Schüttelfrost ist vorüber. Ich lasse die Wärmflasche 
fallen und presse meine Hände gegen meine Stirn. 


In der Nacht kommt ein Transport. Es ist mit ihnen nicht mehr viel im 
Operationssaal zu machen. Sie kommen schnell in ihre Betten. Das Kerzen- 
licht verwischt ein wenig die unsagbare Qual und Erschöpfung ihrer Ge- 
sichter und ihrer Augen, aber das Stöhnen, Klagen, Schluchzen, durchdringt 
die dünnen Zeltwände und die ganze Steppe ringsum tönt wider von Schmerz- 
und Verzweiflungsschreien. Ich nehme händevoll Morphiumampullen, die ich 
in meine Tasche stecke, etwas Äther und Watte (es ist sinnlos, ich weiß es, 
aber ich kann es nicht lassen), eine einzige Spritze mit einer einzigen Kanüle, 
eine Ampullensäge und eine Kerze. Und nun betrete ich die Zelte und fange 
an: Säge die Ampulle auf, zieh das Morphium in die Spritze, reibe die Stelle eines 
Armes oder eines Beines mit Aether ab und spritze Morphium, nehme die Kerze 
und gehe zum Nächsten. Säge die Ampulle auf, ziehe Morphium in die Spritze, 
reibe eine Stelle ab, spritze. — Der Nächste, stelle die Kerze nieder, säge die 
Ampulle auf — — — „Sie können hier auch nicht helfen!“ — — — ziehe die Spritze 
voll — pausenlos! Meine Hände zittern vor Müdigkeit und Mitleid, plötzlich 
berührt die Kerze den Aethertupfen, eine Flamme schießt hoch, leckt gierig 
an einer herabhängenden Wolldecke — Es brennt! Ich will Decken herbeiholen 
und stehe doch im Augenblick so tief verzweifelt da, daß ich mich nicht von 
der Stelle rühren kann! Doch — da ist Iwan schon neben mir. Ohne daß 
ich es gemerkt habe, hat er Decken zusammengeholt und erstickt nun mit un- 
verständlichen Tönen die Flammen. Iwan ist einer der vielen Iwans hier im 
Lazarettdorf. Kriegsgefangene Russen, die hier die niedrigsten Pflegerdienste 
tun, da unsere meisten Dienstgrade zu Sanitätskompanien eingezogen sind. Sie 
schlafen nachts zwischen den Verwundeten irgendwo auf dem Fußboden und 
laufen tagsüber frei herum. Sie sind träge und ausgehungert und hocken meist 


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dort, wo sie niemand sieht. Wie lange nur mag Iwan schon in irgend einem dunk- 
len Winkel des Zeltes gehockt und mich mit seinen Augen, die auch jetzt einen 
rätselvollen Ausdruck zeigen, verfolgt und beobachtet haben, während ich mit 
der Spritze von einem zum anderen ging! Aber als ich völlig hilflos war, und 
das für entscheidende Sekunden, da hat er mir geholfen. Und nun taucht er 
wieder in der Dunkelheit unter, und ich setze meinen Gang fort, bis es still um 
mich wird, und nur hier und da noch ein mattes Stöhnen aufzuckt. Ich blicke 
noch einmal auf die stillen Betten und wende mich dann um, müde und mit 
Bitterkeit im Herzen. Das ist alles, was getan werden konnte. Morgen werden 
es einige weniger sein, aber am Abend werden wieder Neue hinzukommen, 
und ich werde fortgesetzt diese paar Dinge handhaben. Die Spritze, die Säge 
und das Morphium, werde Nacht für Nacht mit der Kerze eingesunkene, vom 
Schmerz verzerrte Gesichter . beleuchten und die Zelte werden voller Schatten 
sein — Todesschatten, Todesschatten, muß ich immerzu denken, — ohne Ende, 
ohne Endel Also hat Gott die Welt geliebt — — — 


24. September. 


Stabsarzt Dr. W., — wir arbeiten wieder zusammen — und ich machen 
Visite. Ein großes Wort für das, was wir hier tun. Von dem Lehmboden der 
Zelte steigt es kalt herauf. Der Geruch von Eiter, Schweiß und Extrementen 
macht das Atmen schwer. „Wie lange sollen die Verwundeten noch in diesen 
Zelten liegen?“ Ein Achselzucken als Antwort. Er guckt nach den Verbänden, 
sagt hier und da: „Da muß ein bißchen übergewickelt werden“, obgleich er 
weiß, daß ich nichts zum Ueberwickeln habe, verscheucht fortgesetzt Fliegen, 
die sich kaum von der Stelle rühren und sobald wir weiter gehen, wieder da 
sind, sucht sich ein paar wenige für den Ope zum Verbinden aus und bleibt 
dann bei einem Mann stehen, der teilnahmslos und reglos genau wie gestern 
und vorgestern in seinem Bett liegt. „Warum kommt der Mann nur nicht vor- 
wärts?“ fragt er nachdenklich, während er mit der üblichen Handbewegung 
ein paar Fliegen fortjagt. „Die Wunde sieht nicht einmal schlecht aus, die Tem- 
peratur” — er blickt auf einen kleinen Zettel, der mit Leukoplast am Bettende 
befestigt ist „ist ruhig?“ „Er mag nicht mehr!“ Dr. W. blickt mich an: „Wir 
mögen alle nicht mehr“ sagt er langsam, „aber es gibt doch eine Verpflichtung, 
eine Verpflichtung dem Leben gegenüber — — —“ Ich höre nicht hin, ich höre 
gar nicht hin. Ich kann diese Worte nicht mehr hören, die großen Worte: Ver- 
pflichtung, Heldenmut, Treue, für’s Vaterland, für's Vaterland, für's Vaterland! 
Sie stammen aus einer Welt, zu der wir keine Beziehung mehr haben. Hinter 
dem Ope-Zelt ist ein Kehrichthaufen, auf dem sich amputierte Arme und Beine 
türmen. Der Kehrichthaufen für's Vaterland! Oh, mein Gott! Dr. W. sieht mich 
fast beschwörend an: „Wenn Sie können, Schwester Ilse, kümmern Sie sich 
doch besonders um diesen Mann!“ Ich nicke und er geht hinaus. Zur Zeit des 
Essenausteilens, eine der mühseligen und nutzlosesten Dinge am Tage, denn 
es sind so wenige, die das Essen überhaupt anrühren, außerdem haben wir nur 
ein paar Teller, daß das Essen eiskalt ist, bis wir fertig sind. Also um diese Zeit 
laufe ich in jenes Zelt, um nach dem Verwundeten zu sehen, den der Stabsarzt 
mir ans Herz gelegt hat. Als ich an sein Bett trete, sehe ich, wie Iwan sich 
gerade mit dem noch unberührten Teller, der aber schon eine Weile dort ge- 
standen haben muß, davon machen will. „Iwan!“ mich packt der Zom, „der 
Mann hat doch noch nicht gegessen!“ Ich greife nach dem Teller, Iwan ver- 


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steht mich wohl, denn er kauderwelscht, den Teller noch nicht freigebend 
„Kammerad nix essen!“ Ich blicke ihn wütend an — und sehe in ein junges 
bleiches Gesicht, dessen Augen aus tiefen Höhlen fiebrig, hungrig und flehend 
auf mich gerichtet sind. Ich zucke zusammen, plötzlich muß ich an den an- 
geketteten, verhungerten Bären im Charkower Zoo denken. „Ach Iwan“, ich 
lasse den Teller los, — der Verwundete hat den ganzen Vorgang überhaupt nicht 
bemerkt, seine Augen sind unbeweglich geschlossen, — und zur gleichen Zeit 
löst Iwan seine Hände vom Tellerrand, vielleicht angerührt durch meinen Ton 
— und der Teller mit dem Essen fällt hinunter und zerschellt auf dem harten 
Boden. In Iwans Blick steht Entsetzen und noch irgend etwas, was ich nicht 
mit ansehen kann. — 

Ich laufe aus meinem Zelt, ich jage einem kleinen, geschützten Win- 
kel zu, ein paar Holzstufen, die zu einer verschlossenen Tür an der Hin- 
terfront einer Panjehütte führen, und auf die während der Mittagszeit 
einige Sonnenstrahlen warm und angenehm fallen. Ich sitze hier öfter über 
Mittag, oft JO Minuten lang, ruhe mich aus, ohne an das Geringste zu denken. 
Dahin also! Ich lehne meinen Kopf an das warme, gute, schwach duftende Holz 
und Tränen, Tränen, die ich nicht mehr halten kann, laufen über mein Gesicht. 
Wer ist denn dieser Iwan? Der Sohn irgend einer Mutter, die sich jetzt um ihn 
bangt. Vielleicht lebte er sein junges Leben sorglos und arbeitsam irgendwo 
auf einem kleinen Hof in der Ukraine, vielleicht wußte er nicht einmal, daß es 
uns — Deutschland gab. Und dann kamen sie, gossen ihm Schnaps in die Kehle, 
drückten ihm einen Karabiner in die Hand und jagten ihn auf uns los. Und 
Iwan jagte gehorsam. Dann wurde er gefangen, sie halfen ihm nicht mehr. 
Verwahrlost, verkommen, verschmutzt, verdreckt und verachtet hockt er in 
irgendwelchem Winkel, immer vor irgend etwas in Furcht. Der Willkür seines 
Kerkermeisters restlos ausgeliefert. Schuldlos — schuldlos! Er und seine Ka- 
meraden, so gut wie — ach, unsere deutschen Jungen und Männer hinter Sta- 
cheldraht, die gelangenen Engländer, Amerikaner, Japaner, Franzosen, und 
alle die, die dem Ruf ihres Landes folgten, um ihm zu dienen, um ihre Heimat- 
erde zu schützen. Schuldlos schuldig! Ich hämmere meinen Kopf gegen die 
Wand und der leichte Schmerz tut mir gut. Da höre ich auf einmal jemanden 
kommen. Stabsarzt Dr. W.! Ich versuche aufzuhören zu weinen. Dr. W. setzt 
sich neben mich auf die Stufe. Er kommt jetzt oft einmal dahin, wo ich auch 
bin, setzt sich neben mich, wortlos, oft wenden wir nicht einmal den Kopf 
nacheinander. Aber jetzt blinzele ich zu ihm hin, er darf nicht merken, daß 
ich geweint habe. Nein, er hat die Augen geschlossen, den Kopf weit zurück 
gelegt, daß alle Sonne an sein mageres Gesicht heran kann. Und dann spricht 
er plötzlich, immer noch mit geschlossenen Augen, wie im Traum: „In einem 
dämmerigen Zimmer auf der Couch liegen und im Radio Mozarts ‚Kleine Nacht- 
musik‘, weiter möchte ich nichts mehr!“ Die Kleine Nachtmusik! Ich horche 
auf. „Und dann Rilke“ sagte ich, „Gedichte von Rilke, aber nicht den Cornett, 
auf keinen Fall den Cornett!“ Ich sage das so wild, als stünde schon jemand 
neben mir mit einem Rilkeband und wolle auf der Stelle mit dem Cornett be- 
ginnen. „Nein, nein“, beschwichtigt Dr. W. „nur Mozarts ‚Kleine Nachtmusik‘ 
und ein dämmeriges Zimmer!“ Und Blumen, denke ich. Astern, rote, rosa, lila, 
weiße Astern, alle durcheinander in einer dickbauchigen Tonvase, und dann 
vielleicht noch eine Rose, eine einzige Rose aus einem stillen Herbstgarten, mit 
dem betörend süßen Duft der Ueberreife. O, wir sind weit weg! Wir sind so 
weit fort, daß wir den Dienstgrad nicht gehört haben, der plötzlich vor uns 


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steht: „Herr Stabsarzt, ein Sankra mit Minenverletzten, ziemlich schlimm!“ 
Der Stabsarzt erhebt sich taumelnd und geht wie benommen hinter dem Dienst- 
grad her. Und ich gehe zurück in das Zelt, um nach dem stillen Mann zu sehen 
der eine Verpflichtung an das Leben hat und keine Lust, ihr nachzukommen. — 
Später kommen zwei Dienstgrade mit den Tragen der Verletzten. Auf der einen 
Trage zeichnet sich unter der Decke ein merkwürdig schmaler Körper ab. Sie 
heben einen kleinen Arbeitsdienstjungen ins Bett (wie kommt der nur hierher, 
verirrt, verfahren?) dem eine Mine beide Arme bis über die Ellbogen weggeris- 
sen hat. Sein blutjunges Gesicht ist noch ganz und gar frei von auch nur dem 
Schimmer eines Flaumes. Ich will meine Hand an die Cavotis legen, um nach 
dem Pulsschlag zu fühlen. Mein Arm sinkt herab — Rilke, Blumen, die Kleine 
Nachtmusik — — — Ich weiß auf einmal, daß ich wieder Fieber habe, denn ich 
stehe unbeweglich an dem Bett des Jungen und weine, weine. 


30. September. 


Ich liege in dem kleinen niedrigen Zimmer auf dem Strohsack. Ueber mir 
sind Wäscheleinen gespannt, an denen einige Wäschestücke hängen. Irgendeine 
Schwester hat gewaschen. Fieber, Durchfälle und Durst, Durst, Durst und 
nichts zu trinken! Ich weiß, zwei Zimmer weiter steht ein großer Kanister mit 
Tee. Sehnsüchtig denke ich an den Tee, aber wie soll ich durch diese beiden 
Räume kommen? Wie soll ich überhaupt hochkommen? Ich falle wieder in 
Halbschlaf. Auf einmal dringt langsam, drohend, böse die Steppe durch die 
Tür. Strömt herein wie ein brauner, schweigsamer, unheimlicher Fluß. Kommt 
immer näher, immer näher, legt sich auf mich, preßt mir die Brust zusammen, 
ich kann nicht mehr atmen — ich schreie — und bin wieder wach. Meine Stirn 
ist feucht vor Schweiß. Durst! Wenn ich einmal wieder nach Hause kommen 
sollte, werde ich den ganzen Tag am Wasserhahn sitzen, am geöffneten Was- 
serhahn, aus dem gutes, kaltes, klares, silberhelles Wasser fließt. Ich werde 
trinken, trinken, trinken und meine Hände nicht mehr unter dem kühlen Naß 
fortnehmen. — Aber jetzt, was mache ich jetzt? Mein Blick fällt auf eine Melone, 
die vor dem kleinen staubbedeckten Fenster liegt. Manchmal halten einige 
Wagen mit Soldaten an, wenn sie uns sehen, und fragen nach Kartoffeln. Sie 
möchten nichts anderes als Kartoffeln. Dann laufen wir los und suchen ihnen 
ein paar zusammen und sie geben uns dann zu Dank dafür Melonen. Diese 
Melone ist es also, die meinen Blick immer wieder anzieht. Sie ist noch nicht 
ganz reif, immerhin habe ich Durchfälle, aber wie frisch und saftig muß ihr 
Fleisch sein! Allerdings, überlege ich unentschlossen, allerdings müßte man ein 
Messer haben. Wo, um alles in der Welt, mag das nächste Messer liegen? Ach, 
die Augen fallen mir wieder zu, und wieder sinke ich in den abscheulichen 
Halbschlaf. Ueber mir, auf der Leine hängen jetzt eine ganze Reihe Feldfla- 
schen, eine neben der anderen mit Wasser gefüllt. Sie sind so voll, daß das 
Wasser aus ihren Hälsen quillt und von der Filzhülle aufgesogen wird. Ich 
will danach greifen, gierig will ich eine herunterholen und komme nicht an. 
Ich komme nicht an! Ich recke die Arme, ich stemme mich hoch, das Wasser 
rinnt und rinnt aus den Flaschen und ich verdurste. Plötzlich bin ich wieder 
wach. Jetzt hole ich mir die Melone und wenn ich sie mit den Fingem — da 
kommt doch jemand? „Schwester Ilse!“ Schwester Gertrud kniet neben mir und 
umfaßt meine Hände. „Ich habe Durst!“ Zwei Minuten später stehen mehrere 
Becher neben mir mit Tee gefüllt auf dem Boden. Schwester Gertrud hockt 


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noch einen Augenblick auf meinem Strohsack und hat die Hände vor das Ce- 
sicht gelegt. Dann erhebt sie sich und geht mit müden Schritten hinaus. Und 
ich trinke Tee und bin lange nicht so glücklich gewesen. — Als ich wieder auf- 
stehe, hängen meine Kleider genau so an mir herunter, wie bei den anderen 
Schwestern auch. Durch nichts unterscheide ich mich jetzt noch von ihnen, auch 
nicht in dem Verstummen um Dinge, die außerhalb des Dienstes liegen. 


2. Oktober. 


Gestern hatte ich nun doch eine Freude. Durch Zufall erfuhr ich, daß 
Leni schon über acht Tage hier am Ort im Feldlazarett arbeitet. Wieder im Ope. 
Ich gehe heute zu ihr, und wenn es erst heute Nacht sein wird! 


5. Oktober. 


Die Steppe liegt schweigend und dunkel vor mir, als ich zum Feldlazarett 
hinüber gehe. Leni kommt mir auf halbem Wege entgegen, und ich bin er- 
staunt, wie frisch und lebendig sie ist. „Leni!“ „Ilse!“ Ach Gott, daß sie wieder 
da ist! Sie zeigt mir ihr kleines Zimmer, das sie mit unendlicher Mühe ein 
wenig freundlich gestaltet hat und dann gehen wir hinüber zum Ope. Wir müs- 
sen dabei, wie immer, über eine Menge Tragen mit fiebernden Verwundeten 
steigen und Leni scheint das gar nicht zu bemerken. Ich sehe sie verwundert 
an. Sie sieht beinahe glücklich aus hier in P. Glücklich? Ja, wahrhaftig, so 
wirkt sie! Im Ope zündet sie nun auch noch den Spirituskocher an und will 
Kaffee kochen. Sie ist von einer geradezu leuchtenden Lebendigkeit, und das 
matte, schimmernde Kerzenlicht zaubert um sie eine Stimmung von Unwirk- 
lichkeit. Sie erzählt immerzu von irgendwelchen Leuten und Lazaretten, und 
ist dabei mit ihren Gedanken ganz woanders. Ich muß sie fragen! „Leni, was 
ist los mir Dir?“ Darauf hat sie wohl nur gewartet, denn nun jubelt es heraus 
aus ihr: „Ilse, ich fliege übermorgen nach Stralsund, wir heiraten!“ Leni hei- 
ratet! Endlich ist es soweit — in Frankreich schon hatte sie teilweise von’ nichts 
anderem mehr gesprochen. Ja, nun ist mir alles klar. „Wirst Du wiederkom- 
men?“ frage ich. Sie sieht mich erstaunt an „natürlich komme ich wieder!“ 
„Wenn Du verheiratet bist“ überlege ich „kannst Du vielleicht in der Heimat 
eingesetzt werden?“ Leni blickt mich aufmerksam an. Auf einmal ist sie ganz 
und gar da: „Warst Du krank, Ilse?“ Sie fragt es still und vertraut. „Ach, ein 
bißchen, wie wir alle hier.“ „Ilse“, sie füllt den Kaffee in die Becher — wie das 
duftet — „weißt Du, daß ich Dich einmal genau dasselbe fragte, als Du damals 
auf Urlaub fuhrst, in Charkow?“ Charkow? Ich versuche, nachzudenken, das 
ist ja eine Ewigkeit her — ja, damals war Leni eine zeitlang so elend und mut- 
los, undeutlich ersteht das Lazarett am Roten Platz vor meinen Augen. „Da- 
mals“, Leni’s Stimme klingt ganz verhalten, „sagtest Du, ich sei viel zu treu, 
um eine Sache im Stich zu lassen!“ „Ich habe das nie vergessen”, setzt sie nach 
einer Weile sinnend hinzu. Treu! Wieder so ein Wort! Ich stehe auf. Die Ker- 
zenflamme zuckt. „Uebermorgen fliegst Du?“ Mir ist etwas eingefallen: „Ich 
habe noch allerlei Konserven, die mußt Du mitnehmen. Zuhause ist es, glaube 
ich, nicht mehr so reichlich. Du weißt ja, Lebensmittelkarten und so!“ Leni 
sieht mich forschend an: „Ißt Du Deine Konserven nicht auf?“ Du lieber Gott! 
Kommt sie denn von einem anderen Stern? „Du kannst sie alle haben, morgen 
abend bringe ich sie Dir'schnell noch herüber!“ „O“, nun freut sie sich doch, 
„ich habe auch schon allerlei gespart und wenn Rolf noch etwas mitbringt, 


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dann haben wir gut zu leben die vierzehn Tage!“ „Vierzehn Tage nur?“ „Ganze 
vierzehn Tagel“ Nein, sie ist nicht totzukriegen. Der Ope-Betrieb soll wieder 
weiter gehen und ich muß fort. \Vieder steigen wir über die Tragen, und sie geht 
noch ein kleines Stückchen mit mir durch die Nacht. Heiter, nicht im geringsten 
müde, und ganz und gar voller Freude. 


8. Oktober. 


Am nächsten Mittag bringe ich Leni die Dosen. Sie sitzt in ihrem Zimmer 
und probiert eine neue Haarfrisur aus. Es ist wirklich wahr! Leni hockt vor 
einer Spiegelscherbe und ist bemüht, ihr dunkles Haar auf die neueste Art, so 
denken wir wenigstens, seitlich einzuschlagen. Ich sitze verwundert auf dem, 
Bett und betrachte sie. Die Frisur betont die zierliche kleine Form ihres Köpf- 
chens aber sie macht sie mir ganz fremd. Leni wirft mir einen flehenden Sei- 
tenblick zu, vielleicht stört sie mein Schweigen. Glaubt sie, ich verstehe sie 
nicht! Ach, und wie ich sie verstehe! Sie ist doch jung und übermorgen wird sie 
aus allem heraus sein und dann ist sie eine junge, verheiratete, glückliche Frau. 
Sollte sie nicht das Recht haben, zwei Tage vor ihrer Hochzeit sich eine neue 
Frisur auszudenken? Nur die Spiegelscherbe gefällt mir nicht. Es müßte eine ge- 
schwungener, schön geschliffener, hoher Spiegel sein! Und plötzlich taucht vor 
meinen Augen das Bild eines stillen, warmen, sehr kultivierten Zimmers auf. Das 
gedämpfte Licht seidig beschirmter Lampen fließt über gepflegte, formen- 
schöne, alte Möbel, und das kostbare Holz schimmert matt. Vor einem hohen 
Spiegel, der in einem fröhlichen Rokokorahmen gehalten ist, sitzt Leni und 
läßt ihr reiches, dunkles Haar durch ihre schmalen Finger gleiten. Hinter ihr 
steht eine Gestalt in Feldgrau, mit Askulap-Stab und blickt über ihre Schultern 
in den Spiegel hinein. Dort treffen sich beide Blicke, halten sich fest, und sie 
lacht leise. Im selben Augenblick schlägt eine kleine zierliche Uhr im Glas- 
gehäuse silbern und verspielt dazu. — Träumereien in der Steppe! Hungervisi- 
onen! „Leni“, bitte ich sie, „schreibe. Vergiß nicht zu schreiben. Denn Du 
weißt ja, diese Fliegerei jetzt —I“ „Ach Ilse“, unterbricht sie mich sorglos, 
„wenn Du wüßtest, wie glücklich ich bin!“ Als sei das Glück eine Festung ge- 
gen Flieger, Krankheit, Tod! „Und dann, weißt Du, haben wir so lange auf- 
einander gewartet, das kann nur noch gut werden!“ Ich bin nicht fromm und 
wenn meine Gedanken zu Gott gehen, dann ist es ein unbeweglicher Gott, 
mit steinernem Gesicht und geschlossenen Augen, aber wenn ich beten 
könnte, wenn Gebete die Kraft hätten, einen lieben Menschen zu schützen — 
ich würde jetzt für Leni beten! Wir gehen noch ein Stückchen zusammen 
durch die Steppe. Und nun kommt ihre Stunde. Die große Stunde der Steppe, 
die da ist, wenn die Sonne sich zum Untergehen neigt. In der Maßlosigkeit 
dieses ganzen Landes verschwendet sich nun auch das Licht in kürzester Zeit. 
Flammenstöße von glühendem Rot lodern am Himmel auf. Das Steppengras 
wandelt sich in dunkles Filigran und tanzt in schwebenden Ornamenten über 
den Boden. Und plötzlich werden die Flammen gelöscht von gleißenden, fun- 
kelnden, goldenen Wolkenmassen in bizarrer Eigenwilligkeit, aus denen wieder 
Ströme von Gold, Grün und Blau hervorquellen und den ganzen Himmel über- 
fluten. Bis dann endlich die lavendelblaue Dämmerung die ganze Farben- 
skala hinweg wischt und die dunkle, fremde Nacht herniedergeht. 


Wir haben uns untergefaßt, wir tun das selten, und gehen der sinkenden 
Sonne entgegen. Lenis Gesicht ist ganz eingetaucht in die Fülle des Lichtes, 


36 


das es jung und glücklich und weich macht, wie nie zuvor. Wir lassen unsere 
Hände lange nicht los: „Auf Wiedersehen.“ Sie kehrt um. Ich gehe dem La- 
zarett zu. Und als ich mich nach einer Weile noch einmal umwende, da ist 
die Sonne schon untergegangen. Leni ist in die Dunkelheit hineingeschritten. 
Nichts — gar nichts ist mehr von ihr zu erkennen. 


12. Oktober. 


Die Oktobertage sind von fast versöhnender klarer Heiterkeit. Unent- 
wegt rollt über die Vormarschstraße der Nachschub. Bespannte und motori- 
sierte Truppen, Panzerverbände und auffallend viel Rumänen mit herrlichen 


Pferden fahren nach Osten, nach Stalingrad. Wann wird die Festung endlich 
fallen? 


17. Oktober. 


Rumänen, Rumänen, Rumänen überfluten unseren Landstrich. Es heißt, 
sie sollen diesen Frontabschnitt übernehmen und wir kommen fort. Woro- 
nesch ist wieder in russischer Hand. Stalingrad soll bis zum Stadtkern von uns 
genommen sein. Die Kämpfe sind unvorstellbar schwer. Jedes Haus eine Fe- 
stung, die unter Opfern erobert werden muß. Die Nächte werden kalt. Wir 
haben Nachtfröste bis 6° und bald wird Schnee fallen. Was soll dann werden? 
Woher die Kraft nehmen, immer weiter durchzuhalten? Wie sollen unsere Di- 
visionen die Übermacht des Russen, den Schnee, die Kälte überwinden, wie 
sollen unsere Armeen siegen? Siegen! Unsere Lazarette sind überbelest. Es 
fliegen nur noch wenig Ju’s. Das schlechte Wetter, sagt man, der Nebel? Ich 
sehe ja alles nur aus der Perspektive eines kleinen Lazarettdorfes im tiefen 
Rußland mit Hütten und Zelten voll Todgeweihter. Eine wahrhaft klägliche 
Perspektive für so einen „großen Krieg“! Wir bekommen schon lange keine 
Post mehr und fragen auch nicht danach. Zeitungen und Radio? Ach, du 
lieber Himmel! Vielleicht gibt es noch irgendwo eine Hoffnung. Es muß doch 
noch etwas zum Hoffen geben! Aber um unsere Verwundeten ist es schlimm 
bestellt. Das Entsetzliche ist, daß sie gar nicht immer an ihren Wunden ster- 
ben! Der stille Mann, dem Iwan sein Essen fortnahm, und der eines Tages ein- 
fach aufhörte zu atmen, ist kein Einzelfall mehr. Nein, die Wunden sind nicht 
immer tödlich. Tödlich ist der ganze Mangel an Lebensmut und Lebenskraft. 
Sie sind einfach leer, ausgepumpt, am Ende. Der Lebenskern ist getroffen 
und niemand kann sie retten. 

Gestern kam mit dem Transport ein. Wilhelmshavener mit Kopfschuß. Er 
liegt, blond, groß und kräftig, in seinem Bett. Seine Augen sind sicher blau. 
Aber jetzt liegen bläuliche Augendeckel darüber, auf denen Fliegen herum- 
kriechen. Verfluchtes Volk! Manchmal packt mich eine wilde Mordgier. Der 
Mann flüstert immerzu, immerzu mit fast geschlossenen Lippen: „Mein Sohn, 
mein Sohn!“ Ich bleibe bei ihm und blicke in ein vertrautes, norddeutsches, 
noch junges Gesicht. „Mein Sohn, mein Sohn.“ Vielleicht ist irgendwann noch 
einmal eine Nachricht aus der Heimat zu ihm gedrungen, daß seine junge 
Frau ihm einen Jungen geboren hat. Und nun ruft der Vater über alle Weiten 
seinen kleinen Sohn an, den er niemals sehen wird. „Mein Sohn, mein Sohn!“ 
Es klingt beinahe geheimnisvoll. Aber es tut weh, es tut entsetzlich weh. 

Längs der Vormarschstraße haben jetzt Rumänen ihre kleinen Zelte zwi- 
schen dem niedrigen Gestrüpp aufgestellt. Sie kochen auf kleinen räuchernden 
Feuern, waschen Wäsche im Fluß und hängen sie auf, hocken zusammen und 


37 


vollführen ziemlichen Lärm. Jeden Abend und jede Nacht, wenn ich zum Schwe- 
sternhaus will, muß ich an ihren Lagern vorbei. Oft ist schon alles still und 
tiefdunkel, wenn ich müde den Weg entlang gehe. Plötzlich schrecke ich durch 
ein Geräusch auf, und die wilden kleinen Gestalten zweier rumänischer Wa- 
chen stehen vor mir. Sie müssen irgendwo liegen, denn sie kommen mir nie 
entgegen, sind immer plötzlich da. Wenn sie mich dann erkannt haben — ich 
bin überzeugt, daß sie mich schon lange erkannt haben — verziehen sie ihre Ge- 
sichter zu einem frohlockenden Grinsen. Ich bleibe ruhig vor ihnen stehen, 
und sie sagen: „Gutt gutt“, und geben den Weg frei. Ich mag das nicht. Ich 
erschrecke jedesmal wieder, und dieser Heimweg in der klaren, kalten, ster- 
nendurchstrahlten Nacht, eine Kostbarkeit bisher, ist mir ganz verleidet. Frü- 
her hätte mir das gar nichts ausgemacht, aber heute mag ich das ganz und 


gar nicht. 
20. Oktober. 


Jetzt haben wir auch deutsche Nachbarn bekommen. Die TEK, eine Ent- 
giftungs-Kompanie, hat sich hier eingegraben. Sie bleiben vorläufig hier und 
warten auf etwas, was sie nicht wissen. Der Offizier kam zufällig vorgestern an 
meinem Zelt vorbei. Er sah mich drinnen arbeiten und wartete, bis ich ein- 
mal herauskam und stellte sich vor. Ein stiller, fast schwermütiger Mann. 
Kunstmaler von Beruf, Kunstmaler! Er brachte mich dann nach Hause, erlebte 
das Auftreten der enttäuschten Wachen, und nun wartet er geduldig jeden 
Abend und begleitet mich sicher und fröhlich, ohne rumänische Wachkon- 
trolle heim. Einmal hat er eine Tomate, einmal eine Melone und heute ein 
Fi, ein Hühnerei in meine Hand gelegt. Ich mag das gar nicht annehmen. Aber 
ich spüre, wie sehr er sich freut, einem anderen Freude machen zu können, 
und ich nehme es dankbar mit nach Hause. Manchmal sprechen wir kein 
Wort, wenn wir durch die Nacht gehen, und doch sind wir irgendwie miteinan- 
der verbunden. Das ist wie ein Ausruhen an seiner Seite. Und das Land ist 
voll von einer trügerischen Ruhe. — 


22. Oktober. 


Heute kommt der Leutnant und bringt mir Bilder mit, die er in Rußland 
gezeichnet und skizziert hat. Es sind meistens biblische Motive. Madonnen, 
immer wieder Madonnen. Hohe gotische Marien mit langen, schmalen Händen 
und Füßen, lang fließenden Mänteln und unbeschreiblich schmerzlich-süßem 
Gesichtsausdruck. Manchmal dahinter leicht hingeworfen ein Kirchenfenster 
mit angedeuteten Rundfenstern und viel Omamentik. Seit vielen Jahrhunder- 
ten haben immer wieder die Meister der Darstellungskunst nach diesem Mo- 
tiv der lieblichen Frauengestalt gegriffen und haben bis zur fast göttlichen Voll- 
endung an ilım geschaffen. Nie ist soviel Zartheit und Innigkeit aus dem Pin- 
sel geflossen, aus Ton geformt, in Marmor gehauen worden, als dort, wo es galt 
das Mysterium von Müttertum, Märtyrertum, Kindhaftigkeit und Weihtum in 
einer einzigen Gestalt zu vereinigen. Ach, ich habe einmal in Dresden vor der Six- 
tinischen Madonna gestanden als ich noch ganz jung war und konnte sie nie 
wieder vergessen. Aber stark berührt mich auch jedesmal die Dürersche, 
die im Gegensatz zur Raffaelschen so deutlich die deutsche Auffassung zum 
Ausdruck bringt. Was lockt wohl den Künstler, den Mann, diesen tiefsten und 
reinsten Ausdruck des Marienkultes immer wieder darzustellen? 


38 


Ich bin ganz glücklich, als ich diese zarten Bilder in den Händen habe. 
Es ist wie ein kleines stilles Lied. Wir gehen nebeneinander her durch die 
klare Nacht, und da bleibt er plötzlich stehen: „Ich schenke Ihnen die Bilder“, 
und er nimmt meine beiden rissigen, dreckigen Hände und küßt sie behutsam. 
„Wir kommen morgen fort — zum Einsatz. Ich würde Ihnen versprechen zu 
schreiben — aber —“ mit einer knappen Handbewegung wischt er das Ende 
des Satzes und noch mehr, viel mehr fort. „Nach Stalingrad?” frage ich 
tonlos. Er nickt. Ich blicke ihn an, blicke in die Augen, die angefüllt sind mit 
Schwermut und Gelassenheit, einer erhabenen Gelassenheit, und verstehe. Ich 
verstehe vollkommen! Im tiefen Raum von Rußland, am Rande von Europa, 
neigt sich ein Offizier über die Hände der Schwester — das ist mehr als ein 
persönlicher Abschied. Das ist die Abschiedsgeste eines ritterlichen Mannes 
von allen Frauen Deutschlands! Die Sterne stehen in kaltem Schweigen am 
hohen fernen Himmel. Mein kleines stilles Lied ist verklungen. Morgen und 
alle Tage werde ich hier wieder allein gehen — todmüde und allein. 

Ich liege auf dem Strohsack und presse mein Gesicht in mein Kissen. 
Ich mag nicht mehr, und ich will nicht mehr. Ja, das ist das Neue, das plötz- 
lich da ist, ich will nicht mehr! 


26. Oktober. 


Unser Lazarettdorf ist geräumt. Alles ging Hals über Kopf. Was nicht mit 
der Ju mitkam, wurde nach Ostrogosgek verlegt. Wir sollen in Ruhe kommen. 
Ruhe? Westlich von hier zurück also? Der Kampf um Stalingrad ist härter denn 
je. Und wir verlegen unsere Verwundeten und gehen in Ruhe! Man hört 
allerlei, man spricht allerlei, aber niemand weiß wirklich etwas. Wir sitzen in 
unserem „Schwesternzimmer“, Frau Oberin ist gekommen. Über den Tischen 
liegen weiße Ope-Laken, Kerzen sind angezündet und vor jedem steht ein 
Becher mit dunkelrotem Wein, wahrscheinlich aus dem Restbestand des La- 
zarettes. Augenscheinlich hat man sich bemüht — irgendjemand, dem noch 
Fetzen von Erinnerungen an Schwesternzusaminenkünfte vorschwebten — 
dem Treffen hier ein festliches Gepräge zu geben. Und es wirkt grotesk. Wir 
sitzen an den Tischen und wissen nicht das Geringste miteinander anzufangen. 
Manchmal geht ein unsicherer Blick zu einem Gesicht, zu dem Wein, blinzelt 
in die ungewöhnliche Helle mehrerer Kerzen und senkt sich dann ue. Ir- 
‚gendjemand, wahrscheinlich Frau Oberin hat das Wort „Urlaub“ ausgespro- 
chen. Nun sieht sie uns erwartungsvoll an. Nichts. Niemand regt sich, nie- 
mand hebt den Kopf. Eine undurchdringliche Atmosphäre der Teilnahmslo- 
sigkeit lastet im Raum. „Urlaub“, das Wort, das im Klang allmählich dem der 
„Heimat“ gleich geworden ist, was es ja auch bedeutet, findet keinen Einlaß 
bei uns. Unsere IHerzen sind verschlossen, alle Türen in uns sind zugeschlagen. 

Die Kerzen zucken, ab und zu nippt jemand am Wein und Schatten 
spielen an der Decke. Niemand spricht. Frau Oberin sitzt aufrecht und ent- 
schlossen an ihrem Platz. Ihr schmaler Mund verschließt sich noch mehr. wie 
bei einer starken Kraftanstrengung. Sie sucht eine Brücke, einen gangbaren 
Weg von sich zu uns. Wie soll sie ihn finden? Sie kennt uns genau so wenig 
wie wir uns untereinander kennen. Wir wissen doch nichts voneinander. Nicht, 
woher wir kommen, wo wir zu Hause sind, wie alt wir sind, was wir lieben, 
was wir hassen. Und wir sind fertigl Bis gestern, haargenau bis gestern, bis 
zu dem Augenblick, in dem der letzte Verwundete auf die Trage gelegt wurde, 
hat unsere Kraft gereicht — nun sind wir am Ende. Wir können nicht einmal 


39 


mehr denken. Da erhebt sich Frau Oberin — mein Gott, etwa eine Rede? 
„Liebe Schwestern“ — Die Gesichter scheinen noch mehr einzusinken. Jemand 
hat den Kopf auf den Tisch gelegt und ist eingeschlafen — Frau Oberin spricht. 
Hört jemand zu? Die Worte tropfen so, wie die Kerzen tropfen und fallen 
lautlos in den Raum. Plötzlich fällt mir ein, daß Frau Oberin neulich irgendwo 
in einen Tieffliegerbeschuß hineingeraten ist und lange Zeit in einer einsamen 
Gegend der Steppe mit ihrem Fahrer im Dreck gelegen hat. Als die Flieger 
fort waren, mußten sie noch Stunden auf ein Fahrzeug warten — ihr PKW 
hatte verschiedene Treffer und war defekt. Um sie herum lauerte die Gefahr 
der Partisanen. Der Fahrer hat später bewundernd von ihrer Ruhe und ihrem 
Mut gesprochen. Und wenn ich sie ansehe, kann ich mir gut vorstellen, daß 
nichts in der Welt hätte geschehen können, das ihr erlaubt hätte, dem Fah- 
rer Furcht zu zeigen. Ich bin mir außerdem auch nicht klar, ob sie überhaupt 
so etwas wie Angst gespürt hat. — 

Die Rede scheint zu Ende zu gehen. Wir vernehmen, daß morgen früh 
um vier Uhr die Omnibusse für uns bereit stehen. „Ruhe — Erholung — 
Kraft —“ aha das ist wohl der Schluß: „für die Ehre und den Ruhm, für“ — 
eine fast unmerkliche Pause — „und für den Sieg unseres Vaterlandes!“ 
Das Letzte hat fast wie ein Aufschluchzen geklungen. Irgend etwas muß 
hier unten nicht in Ordnung sein. Frau Oberin steht noch einen Augenblick 
unbeweglich, ihre Augen starren in die Kerzen, dann setzt sie sich und die 
starke Frau scheint tief erschöpft. Es muß schrecklich sein, in einen Raum hin- 
einzusprechen, der voller Menschen ist und doch vor Leere widerhallt. Bei 
ihren letzten Worten haben Hanni’s und meine Augen sich zufällig getroffen 
und ein Funke ist von ihr zu mir herüber gesprungen. Hanni hat sich damals 
auch freiwillig hierher gemeldet. Sie kam aus Brüssel. In der ersten Zeit ha- 
ben wir manchmal noch miteinander gesprochen, von Frankreich, von Belgien, 
von dem schönen Brüssel. Später haben wir uns dann fast gemieden. Keine 
von uns wollte noch an den Westen erinnert werden, der uns doch irgendwie 
verband. Es hätte weh getan, vielleicht Wünsche und Gedanken geweckt, für 
die hier kein Raum war. Jeder hütete sorgfältig die Stumpfheit seiner Sinne. 
Es war unser einziger Schutz. Aber eben haben Hanni und ich uns begrüßt: 
„Da bist Du ja auch noch“, haben unsere Augen gesagt und sich erschrocken 
angeblickt, als Frau Oberins Stimme schwankte. Ich glaube, wir waren die Ein- 
zigen, die es merkten. Doch jetzt hebt irgendjemand den Kopf und sagt leise: 
„Flieger.“ Sie scheinen tiefer zu fliegen als sonst, und man hört schon deut- 
lich die Einschläge. Der Boden bebt, die Scheiben klirren und die Kerzen- 
flammen zucken hin und her. Draußen sind notdürftig ein paar Schutzgräben 
gezogen und man sollte vielleicht hinausgehen — die Kerzen löschen. Aber 
niemand erhebt sich, nicht die geringste Unruhe entsteht. Es ist unbestimmt, 
wieweit die Bombenabwürfe überhaupt vom den einzelnen erfaßt werden. 
Auch Frau Oberin sitzt gleichgültig da und sieht aus, als wären ihre Gedan- 
ken sehr fern von hier. Als die Flieger endlich wieder abziehen, erheben wir 
uns. Der letzte Abend in P. ist zu Ende. — 


29, Oktober. 


Wir haben in einem kleinen Tartarenschlößchen Quartier bezogen. Die 
Räume sind hoch, haben feste Wände und stabile Türen. Die Fenster sind 
breit und blicken auf einen kleinen Park hinaus, dessen’ Büsche und Bäume 
im letzten prangenden Rotgold später Oktobertage prahlen. Wir haben Bet- 


40 


ten, Betten, deren Matratzen mindestens einen halben Meter vom Boden ent- 
[ernt sind. Das Schlößchen liegt auf einem Hang, von dem man auf ein kleines 
weißes Panjedorf blickt, das von einem schmalen Fluß begrenzt wird. Am 
Mittag strahlt die Sonne noch warm von einem zarten blauen Himmel, der 
am Horizont im blassen Bogen das sanftgeschwungene Land berührt. Das 
Steppengras ist ganz durchwärmt, und wir ruhen in der Mittagsstunde drau- 
Ben, liegen langgestreckt und faul, blicken in das klare herbstliche Land. Wir 
sind aufgewacht aus einem schweren, bösen Traum, von dem wir glaubten, daß 
er ohne Ende wäre. Und nun ist das Leben wieder da. Bäume, Büsche, 
Himmel und Erde sind uns gut. Wir begegnen uns mit einer rücksichtsvollen 
Fremdheit, wir tasten zueinander hin, als hätten wir uns gestern zum ersten 
Male gesehen, und sind doch miteinander vertraut, weil das Band neuerstan- 
dener, wiedergewonnener Lebensfreude uns alle umschlingt. Am Abend, wenn 
eine unendliche, sanfte Melancholie das Land umfängt, sitzen wir bei Kerzen- 
licht zusammen. Wir sind müde von der Sonne, von der Luft, vom Herum- 
streifen und vom Sprechen — vom vielen Sprechen! 


Gertrud hat morgen Geburtstag, und da sie gerade draußen ist, besprechen 
wir ihre Geburtstagsfeier. Wir sind uns einig, hier sowie in allen Dingen: jetzt 
muß gefeiert werden. Wir wollen morgen früh aufstehen, Blumen und Gräser 
suchen und dann den Zahlmeister flehend überzeugen, daß ein Geburtstagsku- 
chen unentbehrlich ist. Ach, wir haben noch viel mehr vor. Aber erstmal hat je- 
mand schon, wieder Hunger. Und plötzlich haben wir alle Hunger! Hanni geht 
hinaus und holt Brot und alles greift lachend und hungrig danach, als hätten wir 
nicht erst vor einer Stunde Abendbrot gegessen. Auch ich habe mir eine Schnitte 
genommen, und jetzt auf einmal, da ich sie in der Hand halte, mag ich sie nicht. 
Ja, mehr als das, sie flößt mir Widerwillen ein. Leise, daß es niemand sieht, ver- 
berge ich sie in meiner Tasche. Auf keinen Fall will ich mich jetzt aus unserer 
Einheit, der neugegründeten, herzlichen Einheit von Wünschen, Tun und Wollen 
ausschließen. Wir sind monatelang allein aneinander vorbei gegangen. Nun 
hat uns ein wahrer Taumel, ein Rausch nach Gemeinschaft, nach Teilnahme, 
nach Verstehen ergriffen. Die Fesseln von Abwehr, Abkehr, Verschlossenheit 
und Starrheit und Apathie, die uns umklammert hatten, sind gesprengt. Ein 
Damm ist niedergerissen und unser vereinsamtes „Ich“ strömt hinein in das 
geborene „Wir“. Wir sind so maßlos in dem Verlangen nach einander, daß 
wir am liebsten alle Geschehen des Tages, Schlafen, Aufstehen, Spazierenge- 
hen, Essen, Geschirrspülen, Aufräumen zusammen machen möchten. Ja, wir 
sind jung. Die Fröhlichkeit bricht sich nicht ganz so rasch, aber doch merklich 
Bahn — und wenn das Lachen zunächst auch ganz hintenan stand, so klingt 
es doch hier und da schon auf. Zunächst nur ein Akkord und jetzt schon ein 
ganzes Lied. Und nun bin ich unglücklich, daß ich auf einmal außerhalb von 
ihnen stehe und sei es auch nur durch eine Kleinigkeit, ein Stückchen Brot, 
‚das mir allein nicht schmeckt! r 


„Sie glühen ja, Ilse!“ Hanni hat es trotz des Kerzenlichtes gesehen. So- 
fort sind alle Gesichter mir zugewandt und eine Flut von teilnahmsvollen 
Fragen, Sorgen und Ratschlägen braust über mich dahin. Ich protestiere 
mit Händen und Füßen: „Ja, vielleicht ein bißchen Fieber, aber ich fühle 
mich gar nicht krank, nicht ein bißchen.“ Sie geben keine Ruhe, und 
da ich unbedingt ins Bett soll und doch nicht von ihnen fort mag, gehen 
sie alle entschlossen auch zu Bett. — Nacht, stille, helle Nacht über Rußland. 


Al 


Ich lausche auf den Atem der Schlafenden und blicke zum geöffneten Fenster, 
durch das herrliche, kühle Luft hereinströmt. Ich erhebe mich leise und trete 
ans Fenster — mein Kopf tut etwas weh. Ich lehne ihn an den Rahmen und 
blicke hinaus. Der ganze Park ist eingetaucht in das geheimnisvolle, schim- 
mernde Licht des vollen Mondes. Ein heißer Strom von Glück macht mir das 
Glück beinahe schwer. Liebes Leben, denke ich, Du liebes geliebtes Leben. — 
Am nächsten Morgen, als ich erwache — früher als die anderen — habe ich 
einen Kampf mit mir auszufechten. Heute hat Gertrud Geburtstag, nach kur- 
zem Nachsinnen ist es mir wieder eingefallen, und wir wollen vor dem Kaffee 
hinaus und Blumen suchen. Und der Gedanke an das frühe Aufstehen macht 
mich unlustig. Doch dann stelle ich mir den frühen, stillen, dunstigen Herbst- 
morgen draußen vor — Bäume, Büsche und Gräser noch. wie traumverhangen 
und schwer von glitzerndem Tau — und auf der Stelle möchte ich aufstehen 
und hinauslaufen. Und während ich mir abwechselnd Faulheit vorwerfe und 
mich mit Fieber entschuldige, fangen hier und da die Betten an zu knarren. 
Heızhaftes Gähnen zerreißt die Morgenstille und dann verbreitet sich im Nu 
eine regsame Betriebsamkeit. Und das Geburtstagskind, das von unserem heim- 
lichen Blumengang überrascht werden soll, von dem jetzt nur allein noch die 
Rede ist, hält krampfhaft die Augen geschlossen, als schliefe es tief und fest 
bei diesem betäubenden Lärm. — 


Inzwischen habe ich mit mir ein Kompromiß geschlossen. Habe ich 
unter 38,5 Temperatur, stehe ich auf, über 38,5 verordne ’ich mir Bett- 
ruhe. Nach zehn Minuten zeigt das Thermometer 38,7. Ich lege es 
liebevoll zurück und hätte es bald gestreichelt. 38,7, ich kann Jiegen 
bleiben! Behaglich schaue ich auf die Lebendigkeit um mich herum und wehre 
lachend alle besorgten Fragen ab — Fieber in Rußland, was bedeutet das schon. 
Und doch habe ich ein eigenartiges Gefühl. Es ist, als wäre alles um mich 
herum: der Lärm, die Bewegungen, das Geräusch des Waschwassers ganz be- 
sonders eindringlich, fast überscharf, und trotzdem aber wie durch eine Glas- 
wand getrennt. Ich schlafe wieder ein und als ich erwache, liegt auf meiner 
Bettdecke etwas Zartes, Kühles, Feuchtes, ein Strauß! Ein bunter: Strauß von 
Pflanzen, Kräutern und Gräsern! Ich lege ihn an mein Gesicht und bin glück- 
lich. Am Vormittag wird Kuchen gebacken mit einem ungeheuren Aufwand an 
Köchinnen, und obgleich das direkt neben unserem Schlafsaal geschieht, und 
die Tür offen steht, ist es mir, als sei ich um vieles von dort entfernt. Einmal 
muß ich aufstehen, ziemlich schnell — ach immer wieder diese Durchfälle! 
Und sofort ist jemand bei mir, um mit mir zu gehen. Unser Häuschen ist un- 
gefähr zwanzig Schritt vom Haus entfernt, und zu meiner Verwunderung kann ich 
diese zwanzig Schritte nicht gehen, obgleich ich gestern noch durch die Steppe 
lief. Als ich wieder ins Bett sinke, sind die Kissen frisch aufgeschüttelt und Hanni 
reibt mir die Stirn mit ihrem letzten kostbaren Kölnisch Wasser ein. Wie gut 
sie alle sind, denke ich dankbar und schlafe wieder ein. Am späten Mittag, 
draußen kündet sich schon die Dämmerung an, erwache ich dadurch, daß mir 
ein ‘Thermometer untergeschoben wird. Aber ich vergesse es, und die Ober- 
schwester kommt mir zuvor und nimmt es heraus. „Wieviel?“, frage ich, „40°“, 
sagt sie und ihr Gesicht ist besonders besorgt. Ich betrachte es genau und mir 
fällt ein, daß ich sie eigentlich nie recht mochte. Sie erinnerte mich doch frü- 
her an jemanden, an irgend jemanden von Wilhelm Busch, grüble ich. Wie 
nannte ich sie doch? Ach richtig! Die fromme Helene! Nie mehr später in P. 


42 


habe ich daran gedacht. Ich muß ein bißchen lächeln, weil mir das wieder ein- 
gefallen ist. Aber sie lächelt nicht zurück. Plötzlich fühle ich einen schneiden- 
den Schmerz im Bauch. Die Oberschwester will mir unbedingt helfen: „Ilse, 
ich habe noch etwas reinen Kognak, probieren Sie den doch mal. Er hat schon 
vielen geholfen!“ Gute, fromme Helene! Ich protestiere schwach. Es ist be- 
stimmt ihr letzter Kognak — das letzte Kölnisch Wasser von Hanni. — Ach, da 
kommen die Schmerzen wieder, und weil ich sie unter allen Umständen los 
werden möchte, entschließe ich mich, den letzten Kognak der Oberschwester 
auszutrinken. Sie kommt schon mit einer kleinen Reiseflasche und füllt die 
Kostbarkeit in einen silbernen, winzigen Becher. Ich staune! Igendwie tanzen 
Konservenbüchsen vor meinen Augen, und dazwischen steht ein silberner Be- 
cher, so groß, wie ein Fingerhut. In mir steigt schon wieder ein Lachen auf. 
Ein kleiner Fingerhut! Die fromme Helene zieht in den Krieg und steckt sich 
silberne Stricknadeln an den Hut! „Schwester Ilse!“ „Haben Sie mich geru- 
fen? Ach ja, der Kognak!“ Sie reicht mir schweigend den Becher und ich trinke 
das abscheuliche Zeug, das mir gar nicht schmeckt. Wo war ich eben nur? Ich 
schließe die Augen. — Nebenan wird gefeiert! — Aus weiter Ferne dringt der 
gedämpfte Lärm an mein Ohr. Sie essen nun Kuchen, denke ich und plötzlich 
packt mich ein unbändiges Verlangen. Ich kann gar nichts anderes denken, als 
Kuchen, und als Gertrud nach mir guckt: „Ilse, möchten Sie irgend etwas?“ 
„Gertrud, bitte ein einziges Stück Kuchen!“ Sie kommen zu dritt und bringen 
mir auf einem Teller feierlich ein herrliches Stück frisches Gebäck. Sie lachen: 
„Wenn Du essen magst, dann bist Du auch bald wieder gesund!“ Ich nicke 
und danke und blicke das Stückchen Kuchen an. — Ja, ich will es versuchen! 
Ich beiße hinein: In meinem ganzen Leben habe ich nicht solchen herrlichen 
Kuchen gegessen — da wird mir übel. Mein Verlangen nach Kuchen ist end- 
gültig gestillt. Noch bevor die Feier zu Ende geht, fallen mir die Augen wieder 
zu. Einmal höre ich noch, daß zwei Schwestern an mein Bett getreten sind. 
„So schlafen, bei diesem Lärm, das möchte ich auch mal können!“ „Das 
brauchst Du Dir wahrhaftig nicht zu wünschen!“ Aus — aus — aus! 


Am nächsten Morgen messe ich 39°. Die Oberschwester schreibt es auf 
einen Zettel und legt ihn auf den Stuhl neben meinem Bett. Was habe ich 
eigentlich gestern Abend gemessen? denke ich matt, und greife nach dem Zet- 
tel. 40°! 40°? Das bin ich nicht! Das ist der Soldat mit dem Knieschuß, der 
Malaria bekommen hat. Ueberhaupt muß ich zum Feldlazarett, unser Atebrin 
ist schon seit Tagen alle — — — Hanni legt mich sanft in die Kissen zurück. 
„Sie müssen schön ruhig liegen bleiben, Ilse!“ Ich blicke in ihr schmales Ge- 
sicht „Hanni“ sage ich leise | ganz klar, „ich glaube ich habe Typhus!“ Bald 
darauf beugt sich ein Männergesicht über mich. „Ich habe den Eindruck, daß 
es sich hier um einen Arzt handelt“, sage ich etwas geschwollen zu mir. Ich bin 
in zwei Hälften gespalten, und diese beiden Hälften kümmern sich nun. fort- 
gesetzt umeinander. Sie geraten in Auseinandersetzungen und haben eine un- 
bändige Freude mit Worten und Redensarten herumzuspielen, Verse aufzu- 
sagen. Ach ja, ich grüble und grüble. Da muß ein Vers sein, ich bitte Dich, 
hilf mir, den Vers zu suchen, der Rlıythmus klingt mir schon seit P. in den 
Ohren — und auf einmal ist er da: 


„Und wir ziehen stumm ein geschlagen Heer, 
Erloschen sind unsere Sterne“ — 


43 


Erloschen sind unsere Sterne, erloschen — „Schwester Ilse!“ Jemand hat mich 
angerufen, aber das ist jemand, der hinter einer Glaswand steht und die Glas- 
wand ist beschlagen. Ich wende mich mir selbst wieder zu — mein Kopf häm- 
mert, was hämmert er denn nur wieder: 


„Du siehst geschäftig bei den Linnen die Alte 
dort im weißen Haar, die rüstigste der Wäscherinnen“ — 


— Und dann sind es nicht mehr Verse allein — geheime Türen haben sich geöff- 
net, verriegelte Kammern sind aufgesprungen, was tief und für immer in mir 
versenkt schien, taucht jetzt hinauf zur Oberfläche: Stimmen, Märchen, Bilder, 
Szenen, Menschen, Dinge; — es wirbelt im chaotischen Kunterbunt um mich 
herum. Das Bewußtsein ist nur noch wie eine hauchdünne Eisdecke, die immer 
wieder bricht und ich sinke, versinke. Die Zeit steht still — nein sie rollt zurück: 
Ein großes Rad, das rückwärts dreht, Frankreich, Italien, Deutschland, Darm- 
stadt, die Schulzeit — vorbei — vorbei — die Kindgrzeit. Das Rad steht still: 
Ein ganz vertrautes Zimmer im Lampenschein. Leise summt der Gasstrumpf 
und die grünen Perlen des Lampenschirms bewegen sich sacht hin und her. 
Paulinchen, ja, ich erkenne das abscheuliche Ding mit den Sägespänen im 
Bauch genau, liegt mit gespreizten Beinen auf dem Boden. Llea, die gute alte 
Lies — ist sie nicht schon lange gestorben? — sitzt im Sessel. Sie hält ein Mär- 
chenbuch in den Händen und ihre Brille sitzt wie immer ein bißchen schief. 
An ihren Schoß lehnen sich von rechts und links ein kleiner Junge und ein Klei- 
nes Mädchen. Sie betrachten alle drei die Bilder des dicken Buches und die 
Bilder beginnen zu leben: 

Die dunkelblaue Nacht kommt über die Erde gewandelt und am Himmel 
zünden tausend Sternenkinder ihre Kerzen an. 

Ueber eine stille, weite Landschaft, auf der ein dicker, weicher Teppich 
aus Schnee ausgebreitet ist 

saust ein kleiner Schlitten in lustiger Fahrt. Zwei Elche mit dunkelbraunem 
Fell und blanken Augen 

schmeißen ihre geweihgekrönten Köpfe hin und her 

und unter ihren schwarzen Hufen sprühen rote Funken auf weißem Schnee. 

Ein kleines Mädchen sitzt hinten im Schlitten und hat ein rotes Mäntel- 
chen an. 

Auf ihrem Köpfchen sitzt eine lustige Pelzkappe und ihre Hände stecken 
in einem flaumweichen Muff. 

Seine Augen blitzen und seine Wänglein glühen und es kann nicht auf- 
hören zu rufen: . 

„Schnell doch ihr Elche, ach schneller!“ 

Die silbernen Glöckchen an ihrer Leine schaukeln auf und ab und singen 
ihr kleines Lied: Bim — Bam — 

Da kommt ein großer, dunkler, schwarzer Wald. Er ist so schwarz, daß er 
alle Kerzen am Himmel auslöscht. 

Nun kann das kleine Mädchen nichts mehr, sehen. 

„Haltet an Ihr Elche, ach haltet!“ 

Aber die Elche schütteln ihre Geweihe und rasen in den dunklen Wald 
hinein. 

Da tanzen Schneeflocken-Kinder auf das kleine Mädchen herab. 

Sie wollen es trösten und ihm auch ein bißchen leuchten. 

Sie setzen sich auf das Pelzkäppchen und auf den flaumweichen Muff. 


4 


Sie schweben auch auf die Elche nieder und schimmern im braunen Fell. 

Aber das kleine Mädchen jammert nun sehr, weil es gerade sieht, daß zwi- 
schen den schwarzen Tannen ein Häuschen steht. 

Es hat zwei gelbe Fenster, die wie böse Augen blicken und ist ganz und 
gar im Schnee verpackt. Da drinnen wohnen schwarze Räuber mit langen Bärten. 

Sie tragen zwischen ihren weißen Zähnen krumme Messer und ihre Augen 
glühen wie Kohlen. 

„Ich will nicht mehr fahren!“ — — — 


„Heute Nachmittag kommt der Sankra“, durch irgend etwas bin ich auf- 
gewacht und taste nun an die Bewußtseinsgrenze heran: Sankra, will das kleine 
Mädchen mit dem Sankra? — Ich öffne verwirrt die Augen: „Schwester Ilse, 
wir bringen Sie heute nachmittag ins F eldlazarett nach T. Wir liegen hier in 
Ruhe und Sie müssen auf eine Station.“ Ist das der Arzt, der schon seit Tagen 
hier steht? Ich blicke ihn mißtrauisch an und versuche, mich zu konzentrieren. 
„Es ist besser für Sie“, setzt er noch begütigend hinzu. 

Fort von hier! Jetzt gerade, wo ich so glücklich bin! „Dort ist schon die 
Bahnstrecke und der Flugplatz“, er hat sich der Oberschwester zugewendet. 
„Die Lage ist im Augenblick so kritisch“, mit einem Achselzucken bricht er ab. 
Ach so, denke ich, wegen der kritischen Lage im Waldhaus. — Nein ich finde 
mich nicht mehr zurecht. — Am Nachmittag kommen zwei Dienstgrade mit der 
Trage. Der Raum ist zu eng, um die Trage hereinzubringen, und ich, -völlig 
klar und bei der Sache, erkläre, daß ich die beiden Schritte oder drei oder vier 
gehen will. Hanni und Gertrud fassen mich unter, und ich bin ein bißchen 
bestürzt über die Gesichter ringsum, wo kommen nur all diese Menschen her — 
und sinke in die Knie. Hoppla, was ist das? Und mein Kopf! Noch einmal, ich 
versuche noch einen Schritt — es ist wohl besser, ich halte meinen Kopf fest! 
Ich werde regelrecht auf die Trage gezogen und mit einem Berg von Decken 
und Tüchern zugedeckt. Dann geben mir alle die Hand. Gertrud und Hanni, 
ich sehe es mit leiser Erregung, weinen. Nie habe ich in P. jemanden weinen 
sehen. „Kommt der Russe, oder ist jemand gefallen?“ „Haben Sie Post, Hanni?“ 
Hanni sieht mich verständnislos an. und streichelt mein Gesicht. Da heben sie 
die Trage an. — Ach — sie tragen mich fort. — Der Sänkra bringt mich nach T. Die 
Oberschwester begleitet mich. Ich schlafe, aber als ich ausgeladen werde, bin 
ich hellwach. Sie tragen mich in einen winzigen Raum, in dem das Bett genau 
die ganze Länge der Wand ausfüllt. Diese Wand ist warm und rauh und ei- 
gentlich die Hinterseite des großen Ofens, der nebenan in der Küche steht. Vom 
Bett aus könnte ich mit einiger Anstrengung die andere Längswand berühren. 
Das ist aber keine richtige Wand, sondern ein Bretterverschlag, der durch einen 
großen Krankensaal: gezogen ist, und so in seiner Ecke diesen kleinen Raum 
abtrennt. In dem Saal liegen typhuskranke Soldaten. Ich höre hin und wieder 
jemanden sprechen. Vom Bett aus sehe ich auf ein ziemlich hohes Fenster, vor 
dem jetzt Dunkelheit liegt. Die Tür befindet sich hinter mir, ich kann sie nicht 
sehen. Und darum bin ich auch überrascht, als Stabsarzt Dr. R. — schon unser 
Truppenarzt in Charkow — plötzlich an meinem Bett steht. Ich hatte ihn nicht 
gehört. „Guten Abend Schwester Ilse!“ Er nimmt behutsam meine Hand — 
damals war er gar nicht behutsam. Damals! Wie sehr hat auch er sich verän- 
dert. Sein Gesicht ist ganz gelb. — Er wird Malaria gehabt haben, überlege 
ich, seine Augen sehen so müde aus, als hätte er sie monatelang nicht mehr 
zugemacht. Auch seine Haare sind viel grauer geworden. „Ist sie klar“, fragt 


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er die Oberschwester. „Natürlich“ lache ich ihn an. Er lächelt zurück und meint 
dann nach einem Augenblick zu der Oberschwester „Sie hat doch keinen 
Typhus!“ Etwas später lassen sie mich allein. — Und nun gleite ich wieder 
hinab in das uferlose Gewoge von Schatten, Bildern, Gestalten und Stimmen. 
Aber es ist nun kein kinderfroher, leuchtender, schwebender bunter Teppich 
der Träume, der von gütigen Händen spielend vor mir ausgebreitet wird. Es 
ist jetzt plötzlich ein schwerer dunkler Vorhang. Sein Muster ist durchwirkt 
mit Angst und Grauen. Dämonen heben ihn auf und ab und trotz allen Ent- 
setzens kann ich meine Augen davon nicht loslassen. Ab und zu gleitet die 
dünne Decke des Bewußtseins mit lösender Klarheit über die wirren Muster 
und läßt mich für Augenblicke ausruhen. Ich nehme dann alles um mich her- 
um wahr. Wahr mit einer leichten Benommenheit, die mich aber nicht stört, 
weil ich sie nicht empfinde. Ich erkenne den Stabsarzt, der sich täglich an 
meinem Arm zu schaffen macht und immer etwas Freundliches zu mir sagt. 
Ich bemerke die Schwestern, die ständig kleine Spritzen in der Hand halten, 
wenn sie an mein Bett treten, und eines Tages blicke ich lange ein junges Mäd- 
chen an, das damit beschäftigt ist, meine Haare zu ordnen. Ich suche und suche 
in meiner Erinnerung — das blasse Gesicht, die dunklen Haare — wie kommt 
sie nur hierher? Vielleicht ist die hier eingestiegen — (ich komme lange nicht 
von der Vorstellung los, daß ich in einem Lazarettzug liege und nach Deutsch- 
land fahre). — Ja, sie wird hier eingestiegen sein, dann — „Hält der Zug?” Die 
Ukrainerin sieht mich erstaunt an, und dann lacht sie. Sie lacht! Ihre Augen 
werden schmal wie zwei kleine Ritze, aber die Wangenknochen wölben sich 
furchtbar vor, ihre Zähne blitzen weiß und gefährlich und ihre breiten Nasen- 
flügel beben — und das Gesicht wächst und wächst, „Rußland“ denke ich, all- 
mächtiger Himmel, „Rußland lacht!“ Ich wende mich wild zur Wand. Ich will 
Rußland nicht lachen sehen. Die dünne Eisdecke des Bewußtseins ist wieder 
zersprungen. Ich befinde mich plötzlich in New York. Wolkenkratzer ringsum, 
die bis in den Himmel hinein ragen. Ich spaziere auf dem Dachgarten eines 
Hochhauses, bis ich zur Brüstung komme. Ich beuge mich darüber und blicke 
hinunter. Du großer Gott, was ist denn das? An allen vier Teilen des Hauses — 
es steht frei, bewegen sich schwarze Punkte die Hauswände hinauf. Sie krie- 
chen dicht gedrängt im rasenden Tempo immer höher, immer höher. Sie wer- 
den deutlicher, was ist das nur? Oh, ich presse meine Hände gegen die Augen, 
das sind ja Russen, alles Russen! Ich stehe gelähmt vor Schreck, die dunklen Ge- 
stalten nähern sich mit unfaßbarer Geschwindigkeit dem Dach! Ich muß fort. 
Ich laufe einen langen Flur entlang, ich höre sie kommen, ich hetze um eine 
Ecke, da kommen sie mir entgegen, ich jage verzweifelt der Treppe zu, die 
Treppe ist voll von Russen — meine Pulse jagen, mein Atem keucht. Ich bin 
verloren! — „Nun hat sie das Thermometer zerbrochen!“ Schwester Carla beugt 
sich über mein Bett und sammelt Splitter und Quecksilberreste zusammen. Ich 
hocke am äußersten Ende meines Bettes und bin zu Tode erschöpft. Und ein 
unnennbarer Jammer hat mich gepackt: Das Thermometer ist zerbrochen! Ich 
schluchze verzweifelt in mein Kissen hinein. — Und dann kommt der Durst. 
Ein ganz bewußter quälender Durst, nach klarem, kaltem Wasser. Es gibt kein 
Wasser, es gibt keinen Saft, es gibt nur Tee. Einen scheußlichen Tee, den ich 
eines Tages nicht mehr bei mir behalten kann. Apfelsaft, denke ich sehnsüchtig 
und schmecke den herben, aromatischen Trank schon beinahe auf der Zunge. 
Hätte ich ein Glas Apfelsaft! Es ist kein Apfelsaft aufzutreiben. Aber wir hatten 
doch noch welchen, erinnere ich mich. Ach, unser Lazarett hat Apfelsaft und 


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liegt weit fort. Aber ich verdurste ja, meine Lippen sind ganz trocken. Ich muß, 
ich muß unter allen Umständen etwas trinken. Tränen der Verzweiflung laufen 
über mein Gesicht und zerquält von Fieber und Durst denke ich plötzlich: mir 
kann nur noch der liebe Gott helfen! Und es ist nicht der steinerne Gott aus P., 
dessen Augen sich vor der grenzenlosen Qual der Menschheit verschließen, den 
ich nun anrufe. Es ist der liebe Gott meiner Kinderzeit, der mit gütigen Augen 
von seinem Wolkenthron auf die Welt herabblickt, den ich mit gefalteten Hän- 
den ganz still, fast geheimnisvoll um cine Flasche Apfelsaft anflehe. — Am 
Abend kommen unsere beiden Kriegszahnärzte aus S. Ich erkenne sie kaum, 
aber ich erkenne genau die hohe schlanke Form der Flasche, die sie im Arm 
tragen, als sie clas Zimmer betreten. Durstig und mit einem nicht zu beschreiben- 
den Gefühl tiefster Zufriedenheit, das vielleicht einer neu entdeckten Beziehung 
zwischen mir und dem Himmel entspringt, trinke ich Apfelsaft, ein Glas Apfel- 
saft nach dem anderen. — 


Wie blau das Wasser ist, denke ich und blicke von dem Landungssteg der 
Bucht von Rapallo auf das Meer hinaus. Auf seinem, wie aus Seide gespanntem 
Spiegel stehen bewegungslos große Fischerboote, deren rote Segel schlaff an dem 
Mast herabhängen. Mittagsglut. — Ich möchte ins Wasser und kann nicht hinein, 
weil die beiden Katzen dort vorn am Steg mit ihrem Spaghetti nicht fertig wer- 
den. Sie zerren ihre Köpfe hin und her und verschlingen maßlos und raubtierhaft 
diese langen weißen Makkaroni, die wie eklig weiße Würmer über den Steg bis 
in das Meer hinein hängen. Wenn die Katzen fort wären, — ich blicke böse zu 
ihnen hin, ich mag Katzen nicht, — könnte ich mir endlich Celato holen. O, 
Celato! Fest und kalt mit Schokoladen — oder Vanillegeschmack! Ich fühle es 
auf der Zunge schmelzen. Ach, gingen die Katzen! Ich hätte einen Berg von Eis. 
Ich blicke zur Promenade, über die das Sonnenlicht gleißt. Von dem Ueberweiß 
der Hotels und Häuser heben sich die Gärten wie bunte Paletten ab, von den 
Balkonen flammen Geranien und schwere fremdartige Blütendolden in erdrücken- 
der Fülle herab. Ich blinzele zu den Katzen, grün schillert ihr Tierblick zurück 
— aber nein — wie man sich täuschen kann, das ist ja Dieter. — Er steht ganz 
am Ende des Stegs. Und die Katzen sind fort. Will er schwimmen? Warum hat 
er nur die dicke Uniform anbehalten? „Dieter“, ich muß mir große Mühe geben 
mit dem Rufen, er ist so weit weg, „Dieter, essen wir jetzt Eis?“ Dieter rührt sich 
nicht und guckt mich an. Ach, immer dieses Angucken. Aber er steht ja gar nicht 
auf dem Steg, er steht ja auf der blauen Seide der Bucht. Wie macht er das nur 
— er hat doch die hohen Pelzstiefel an. Das gefällt mir nicht. „Dieter, komm 
zurück, Eis essen!“ Jetzt lacht er plötzlich. Was ruft er? „Ich esse Celato auf der 
Krim!“ Er lacht und lacht und das Wasser steigt an ihm empor. Warum starrt 
er mich nur so an. Seine Augen — oh, mein Herz steht still, Dieter hat keine 
Augen! Seine Höhlen starren leer zu mir herüber, sein Mund lacht, lacht laut 
und ohne Ende, bis das Wasser — „Dieter!“ brülle ich. „Du versinkst!“ Und dann 
schüttelt mich das Entsetzen. Aus dem Wasser klingt immer noch das Echo des 
Lachens über die Bucht, und Dieter ist versunken. „Höre doch auf zu lachen!“ 
wimmere ich, und Schwester Carla beugt sich über mich und trocknet mein Ge- 
sicht das naß von Tränen ist. Dieter, Dieter. Ich weine, weine und niemand kann 
mich trösten. 


Und dann kommt noch einmal eine Nacht, in der mich der Durst bis zur 
Verzweiflung quält. Dabei sitzt Sosch am Tisch. Unbeweglich. „Sosch, gib mir 


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doch den Becher, ich kaun ihn nicht erreichen.“ Sosch sitzt da und rührt sich 
nicht. Dann muß ich mir eben selber helfen. Wenn ich erstmal aus dem Bett 
heraus bin, kann ich auch an den Becher herankommen. Ich blicke Sosch über- 
haupt nicht mehr an, — ich bin böse auf sie und rolle mich zum Bettrand und 
lasse mich fallen. — Es tut entsetzlich weh, und als ich die Augen öffne, liege 
ich auf dem kalten Steinfußboden meines Zimmers und Sosch ist verschwunden, 
Ich friere abscheulich, und obgleich ich alles mögliche anstelle, um in die Höhe 
zu kommen, so gelingt es mir nicht. Auf einmal — habe ich gerufen? — höre ich 
Schritte, ein schwerer Schritt auf einem Steingang. Die Tür öffnet sich und ein 
Soldat mit Pelzmütze, hohen Filzstiefeln und einem langen Soldatenmantel, in 
der einen Hand eine Stall-Laterne, tritt ein, es ist der wachhabende Sanitäts- 
dienstgrad: Bedächtig stellt er die Lampe hin, nimmt mich sanft und schweigsam 
hoch und legt mich in das Bett zurück. Obgleich ich noch etwas benommen bin, 
bemerke ich, daß er meine Wärmflasche nimmt und hinausgeht. Bald darauf 
erklingen die harten Schritte wieder vor meiner Tür. Ich bekomme eine warme 
Wärmflasche und ein paar Hände, die in riesigen Handschuhen stecken, halten 
sorgsam meinen Kopf, als ich mit zitternden, noch unsicheren Händen nach dem 
Becher Tee greife. Guter Soldat, denke ich geborgen, Du guter Soldat! — — — 

Und dann folgt der Morgen, an dem ich den oftmals vergeblich gesproche- 
nen Guten-Morgen-Gruß von Schwester Carla, ein bißchen leise noch, erwidere. 
Sie trägt auf einem Brettchen eine Tasse Kaffee, und der Duft erweckt in mir 
eine wahre Vorfreude auf diesen Genuß. Ich nehme — nun schon zum zweiten 
Male — die Tasse in die Hand, und mit leichter Unterstützung von Schwester 
Carla trinke ich sie in einem Zuge leer. Der Kaffee hat herrlich geschmeckt. 
Schwester Carla — dick in Pelzmantel, Schal und Handschuhen eingehüllt — es 
ist wohl Winter — steht einen Augenblick ganz still an meinem Bett. Dawn 
nimmt sie meine Hände — ihre Augen sind feucht — „Schwester Ilse, o Golt sei 
dank!“ Ja, ich habe den Typhus überwunden. 


Und nun kommt eine gute Zeit. Ich bin müde und sehr matt, aber voll des 
beglückenden Bewußtseins zu Jeben. Am Tag beginnt es schon um 2 Uhr mit- 
tags zu dämmern, und das ist mir sehr angenehm, denn dann kann ich die Ratten 
nicht mehr erkennen, die fortgesetzt vor meinem Fenster auf einem Abfallhaufen 
hin und her huschen, das einzig störende Moment in der Harmonie dieser be- 
sinnlichen Zeit. Ich liege dann lange in der Dämmerung ohne eine Kerze anzu- 
zünden und träume hinaus. Die Sterne ziehen auf und gleitende Lichter heim- 
kehrender Flugzeuge grüßen zum Fenster herein. Fast jeden Abend erklingt 
von nebenan das Lied: „Heimat, deine Sterne“ gesungen von gesunden Soldaten, 
die wohl wie ich durch die Fenster die Sterne blinken sehen, von einer wunschlo- 
sen Ruhe durchströmt. Wann werden sonst in Rußland deutsche Lieder gesungen? 
„Heimat, deine Sterne!“ Eine süße, ganz unpersönliche Sehnsucht nach Deutsch- 
land steigt in mir auf, die auf eine seltsame Art glücklich macht. Ach, diese stil- 
len, dunklen Wintertage sind durch nichts zu überbieten. Keine Ungeduld quält 
mich, da ist keine Langeweile und kein Mißmut, nur ein langsames Genesen und 
ein tastendes Vorwärtsdrängen zur Welt da.draußen, die mir so fremd geworden 
ist. Und da ich allen Dingen und allen Menschen um mich herum leidenschaft- 
liche Anteilnahme entgegenbringe, bleibt es nicht aus, daß nach und nach die 
beunruhigenden Ereignisse an den Fronten auch durch die Tür in die Stille mei- 
nes Zimmers sickern. Sparsam und sehr zurückhaltend sind meine Informationen. 
Aber die Verschlossenheit, auf die ich bei meinen Fragen überall stoße, macht 
mich wach und mißtrauisch. Zunächst erfahre ich, daß Amerikaner und Eng- 


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länder in Toran gelandet sind. Tobruk ist wieder in englischer Hand. Im Früh- 
jahr wird Rommel vielleicht zum vierten Male mit seinen Truppen, die er jetzt 
im strategischen Rückmarsch zurückgenommen hat, auf die heißumkämpfte Stadt 
vorstoßen. Und — Stalingrad? Nein, Stalingrad ist noch nicht gefallen. Im Gegen- 
teil, der Russe rückt mit starken Kräften gegen unseren Südabschnitt und sein 
Aufwand an Menschen und Material ist ungeheuer, dazu steht der Winter auf 
seiner Seite. Und dann kommen die Nachrichten, die nun einmal den Weg ge- 
bahnt, gedrängter. P., der Teil des Frontabschnittes ist damals ganz von den 
Rumänen übernommen worden, ist lange in russischer Hand. Ostrogosgek ist ge- 
nommen. Kalatsch! Lieber Gott — überall Lazarette von uns, die voll von Verwun- 
deten waren. Was wurde aus ihnen. Man zuckt die Achseln. Die Schwestern? Die 
Ärzte? Das ganze Personal? Von vielen weiß man nichts. Einige wurden von unse- 
ren Truppen aufgefangen, blieben tagelang in der vordersten Linie, bis sie Gele- 
genheit hatten, weiter zu fliehen. Andere sollen samt den L.K.W. durch falsche 
Auskünfte der russischen Bevölkerung direkt in die russischen Linien hinein ge- 
fahren sein. Man weiß es wirklich nicht? Kurze Zeit bin ich noch der Ansicht, daß 
die Armee sich zwar hastig aber doch planmäßig von Stalingrad abgesetzt hat. 
Und nun erfahre ich von demKessel,und dann auch bald, daß wir schon in Alarm- 
bereitschaft liegen und die vorwärtsstürmendenFluteh derRussen nicht mehr auf- 
zuhalten sind. Aus dem Kessel kommen hier in T. täglich Flugzeuge mit Ver- 
wundeten und eines Tages sind ein paar Schwestern und ein Zahlmeister von 
uns dabei. Was sie erzählen, von der Uebermacht, der erbarmungslosen Kälte 
und dem mit verzweifeltem Mut geführten Kampf unserer Soldaten ist maßlos 
bedrückend und entmutigend. Unser katholischer Kriegspfarrer fliegt von hier hin 
und wieder mit einer Ju mit und besucht verschiedene Stellungen. Er kommt je- 
desmal aufsTiefste erschüttert zurück. Er erzählt mir schonend von allem,aber ich 
weiß, daß er nicht im entferntesten über alles spricht. Und ich möchte es auch 
nicht wissen. Wenn sie nur die Kranken und Verwundeten alle herausbekom- 
men! Noch geht der Flugverkehr verhältnismäßig regelmäßig. Aber wie lange 
noch? Der Frost wird immer strenger. Seit Tagen haben wir Schneegestöber, 
so daß uns sogar die russischen Flieger, die hier Nacht für Nacht den Flugplatz 
bombardieren, in. Ruhe lassen. Wie soll das enden! Nun begreife ich auch die 
Nervosität hier im Lazarett. Wo sollen sie hin, wenn das Schneetreiben so 
bleibt und der Russe in dem Tempo weiter vorstößt? Alles liegt voll Schwer- 
verwundeter und Kranker aus dem Kessell Es fahren kaum noch Lazarettzüge. 
Die Tätigkeit der Partisanen ist weitaus lebendiger als im Sommer, begreif- 
licherweise; Sabotageakte, direkt an den Bahnlinien, haben durch zu spätes Ent- 
decken schon ungeheuer viel Unglück angerichtet. Lazarettzüge entgleisen und 
werden bis über Charkow von russischen Fliegern begleitet und bombardiert. 
Und plötzlich fällt mir Leni ein, was ist mit Leni? Seit ihrer Abreise damals in P., 
habe ich nichts mehr von ihr gehört. Eine brennende Unruhe, zu erfahren, wo 
Leni steckt, erfaßt mich plötzlich. Ist sie in einem unserer Lazarette "hier, 
werde ich es schnell erfahren. Und nun frage ich systematisch jeden, der auch 
nur den Kopf durch meine Tür steckt, „haben Sie eine Ahnung, wo Leni steckt?“ 


— Ich nenne ihren vollen Namen. Seltsam. Niemand weiß etwas von ihr. Ja, 
sie sind alle so wenig interessiert an meiner dringlichen Frage, daß sie sie oft 
überhören. Wieder regt sich ein leises Mißtrauen in mir. Ich sehe ein paarmal, 
oder bilde ich es mir nur ein, daß die Leute leicht erschrecken, wenn ich 


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Lenis Namen nenne. Aber vielleicht täusche ich mich doch. Sie sind alle so 
zermürbt und nervös und in dauernder Spannung, als lauschten sie immerzu 
nach Osten auf die große drohende Gefahr, die sich täglich näher heranwälzt. 
Aber wenn Leni nun z. B. zu Hause geblieben ist, in Stralsund, was ich nicht 
glaube, muß man das denn nicht hier wissen? Eine Schwester, die unter den 
schwersten Umständen in die Heimat fliegt, um einen Arzt zu heiraten, bleibt 
innerhalb einer Lazarettabteilung kein Geheimnis. Und selbst, wenn sie zu 
Hause geblieben wäre, hätte man das hier nach zwei Monaten noch nicht verges- 
sen. Ich denke verzweifelt darüber nach, an wen ich mich wenden soll. Und 
mit der scheinbaren Gleichgültigkeit der anderen wächst meine Hartnäckigkeit, 
die Frage nach Leni, — es ist jetzt eine bitteremmste Frage für mich, — zu er- 
gründen. 

Da kommt eines Nachmittags in die kerzenlose Dämmerung ein 
Schneemann zu mir herein. Ein runder fröhlicher Schneemann mit kleinen, vor 
Rührung feuchten Augen. Toni! Toni, die ich seit Charkow nicht mehr gesehen 
habe. Toni wickelt sich aus ihren Schals und Pelzen und hat ein Stückchen frische 
Winterpracht in mein überheiztes Zimmer gebracht. Sie läßt sich gemütlich auf 
dem einzigen Stuhl nieder, und das ganze Zimmer ist drkhekönt von der 
Atmosphäre ihrer Behaglichkeit. Ihr Gesicht ist frisch und absolut rundlich. Ich 
fühle mich für Toni direkt zufrieden. Und dann plätschert der Strom ihrer Rede 
gutmütig und gemächlich durch das stille Zimmer. Draußen fallen die Flocken 
und kleben manchmal lange Zeit an meinem Fenster. — Toni's etwas monotone 
Stimme löst in mir eine so sanfte Müdigkeit aus, als singe sie cin Schlummer- 
lied. Ach, es geht etwas unendlich beruhigendes von ihrer Gegenwart aus. Wei- 
ter möchte ich lange Zeit nichts, denke ich träge, das weiche Fallen von Flocken 
vor dem Fenster, der kleine warme Raum, die vorweihnachtliche Dämmerung 
und Toni auf einem Stuhl neben meinem Bett! Doch plötzlich bin ich heilwach. 
Wie em Blitz hat mich ein Gedanke durchzuckt. Toni muß etwas von Leni 
wissen. Sie ist in der Nähc des Stabes. Und außerdem kommt sie von außer- 
halb. Sind hier irgendwelche Verhaltungsmaßregeln losgelassen, die Auskünfte 
über Leni an mich betreffen, so weiß Toni nichts davon. Vielleicht frage ich 
sie nicht direkt. Ich lasse sie noch einen Augenblick sprechen und dann unter- 
breche ich sie. „Toni“ sage ich „und Leni?“ „Ja Leni!“ Toni 'sagt es leise und 
zögernd, dann verstummt sie und starrt auf die kleinen Wasserpfützen, die sich 
auf dem Boden von dem schmelzenden Schnee aus ihren Kleidern gebildet ha- 
ben. Mein Herz schlägt schnell „Vermißt?“ frage ich leise. Toni sieht mich ver- 
ständnislos an. „Leni ist tot!“ Sie sagt es, als gälte es, nur einen Irrtum richtig 
zu stellen. Tot! Nein — nein, nein, nein — das nicht, nur das nicht. Das kann 
doch nicht sein. „Tot?“ Erschrocken sieht Toni mich an, „wußtest Du nicht, 
daß sie krank war?“ „Nichts, seit acht Wochen nichts von ihr!“ Toni sicht still 
vor sich hin. Vielleicht überlegt sie, wie weit sie mir alles erzählen soll. Aber nun 
darf ‚sie mir nichts mehr verschweigen. „Toni“, flehe ich, „niemand hat mir 
ctwas gesagt, seit Tagen versuche ich etwas über Leni zu erfahren. Du weißt, 
man schwieg aus Rücksicht, aber jetzt laß mich alles wissen, ich würde es ja 
doch nach und nach zu hören bekommen!“ Da erzählt Toni endlich. „Ja, Leni 
ist zurückgekommen, eine junge, strahlende und gesunde Frau. Sie meldete sich 
bei Frau Oberin in Ostrogosgek. Und da sie eine kleine Verletzung am Finger 
hatte, nicht schlimm, weißt Du, Ilse, aber da war eine kleine Entzündung, mit 
der sie ihren Ope nicht übernehmen konnte. Frau Oberin brauchte gerade je- 
mand dringend für die Infektion, wo alles überbelegt und eine Schwester er- 


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krankt war. Leni bekam die Typhus-Station.“ „Blieb sie gern in Ostrogosgek?“ 
„Nein, gar nicht, sie war auf der Infektion nicht eingearbeitet, Du weißt ja, 
wenn man immer nur im Ope gearbeitet hat, ist das schwer. Außerdem sehnte 
sie sich nach ihren Leuten — und — nach Dir — — —. Sie hatte so viel zu 
erzählen und hier waren ihr die Schwestern zum größten Teil fremd, und sie 
lıatte niemanden recht. Aber ihr Finger verheilte gut und sie fing an, die Tage 
zu zählen, bis sie mit der Ablösung rechnen konnte. Aber es kam alles anders. 
P. löste auf und alle Kranken und Verwundeten kamen nach Ostrogosgek. Leni 
konnte sich vor Arbeit kauın bergen.“ 


„Die Blütezeit des Typhus hatte begonnen. Sie rannte, spritzte, machte Wickel, 
rang mit den Fiebernden, bettete, fütterte, bettete und schleppte zum hundert- 
sten und aberhundertsten Male die Becken hin und her. Die Dienstgrade, die noch 
hier waren, waren fast dauernd mit Verladen oder im Ope. beschäftigt. So ging 
das tage- und nächtelang und immer schon unter dem Druck der sich nähem- 
den russischen Front. Und an dem Tage, als das Lazarett in höchster Eile die 
Kranken und Verwundeten verladen und sich selbst fluchtartig in Sicherheit 
bringen mußte, erkrankte Leni. Sie liegt hochfiebernd in ihrem Bett und nie- 
mand hat Zeit, sich um sie zu kümmern (keiner bringt ihr den letzten Kognak, 
das letzte Kölnisch Wasser. Mein Gott, o mein Gott). Schließlich, da sie sich 
nicht rührt, bringt man sie zum Sankra. Es sind 30° Kälte. Leni liegt bewußtlos 
auf der Trage, der Sankra schleudert hin und her. Bombentrichter unter sich und 
Flieger über sich.“ (Wie ich das alles sehe, Leni vier Wochen früher eine glück- 
liche junge Frau, verwöhnt und geliebt von allen Freunden zu Hause, und nun 
von Gott und aller \Velt verlassen!) ‚Als man sie hier in T. ausladen will.“ Ich 
fahre hoch. „Hier in T., wann war das?“ „Vor vierzehn Tagen!“ Vor vierzehn 
Tagen ist Leni hier krank und bewußtlos angekommen! „Da sieht der Stabs- 
arzt, daß sie Typhus hat. Und weil in diesen Tagen um T. die Lage besonders 
kritisch war, will er sie nicht aufnehmen. Sie soll, da sie einmal im Sankra ist, noch 
weiter nach hinten gebracht werden, damit sie in Ruhe gesund werden kann, 
und nicht vielleicht nach ein paar Tagen wieder auf einen Transport hinaus- 
gezerrt wird.“ „Wohin?“ „Nach N. Ja, es ist eine fremde Einheit. Aber Frau 
Oberin hatte ihr Schwester Ruth mitgegeben, die bis — bis sie starb immer bei 
ihr blieb.“ „Toni, aber warum, warum starb sie?“ „Sie holte sich wohl unter- 
wegs eine Pneumonie“, sagte Toni leisc. „Als sie endlich ankam, stand es schon 
sehr schlimm um sie.“ Und Toni beschreibt, nach den Aussagen von Schwester 
Ruth, Lenis letzte Tage. „Sie ist tagelang tief bewußtlos. Nur manchmal scheint 
es, als husche ein leiser Schimmer des Erinnerns über ihr Gesicht. Dann wer- 
den ihre Hände unruhig. Ihre schmalen, blassen Finger der linken Hand su- 
chen zitternd und fahrig nach dem kleinen, goldenen Reif am rechten Ring- 
finger. Ihr angespanntes Gesicht löst sich wenn sie ihn gefunden hat und 
dann mit matter, kraftloser Bewegung und unendlich inniger Zartheit den 
schimmernden Ring streichen kann. So ist sie dann eingeschlafen, Ilse, 
schmerzlos und ohne Kampf!“ Ich liege ganz still und warte sehnsüchtig dar- 
auf, daß Toni nun geht. Leni ist tot: Leni! Leni in der Steppe ein letztes Mal, 
als sie in die Dunkelheit hineinschritt. Leni in ihrem Zimmerchen vor der 
Spiegelscherbe, Leni beim Kaffeekochen, Leni in unermüdlicher F rische 
im Ope, Lenis müdes Gesicht am Stamm der kleinen Birke, Leni in Frankreich, 
braun, lebendig und so gesund. Leni, Leni, Leni! Nein, es ist doch nicht möglich! 


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„Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich bin!“ „Wir haben solange aufeinander 
gewartet, das kann nur noch gut gehen!“ Am Mittelabschnitt sitzt ein junger 
Arzt. Wenn er einen Augenblick Zeit hat, schickt er seine Gedanken in liebe- 
voller Sorge und Zärtlichkeit nach dem Südabschnitt, Verlorene Mühe, Herr 
Doktor! Leni ist tot, Ihre Frau ist gestorben; Sorge und Zärtlichkeit liegen un- 
ter dem harten Schnee tief in der russischen Erde. Und ich lebel Ich lebe, 
und Leni, geliebt und nötig gebraucht, muß sterben. Gnadenlos. Ohne Gnade. 
O — meinen Kopf in das Kissen gepreßt, Toni ist leise gegangen, fährt ein 
Sturm von Verzweiflung und Schmerz über mich dahin. Und dann kommt die 
Bitterkeit: Ich starre in das kalte Licht der Sterne. Da oben ist ein Irrtum pas- 
siert, Eure Majestät halten zu Gnaden, es ist hier unten jemand Falsches ge- 
storben! Und dann steht nur noch das Bild ihrer letzten Tage vor meinen 
Augen: Müde, blasse, feine Hände, die einen Goldreif liebkosen und ein 
schmales, kleines Gesicht, von dunklem Haar umgeben, mit einer abwesenden, 
horchenden Frage darin. Von Schatten gezeichnet, die auf geheimnisvolle 
Weise ihr Gesicht den vielen unendlich vielen ähnlich werden läßt, die ich 
sterben sah. — Und ich sehe Leni eingeschlossen in ein Heer grauer, stiller 
Männer sich weit und weiter ins Endlose verlieren. — 


Am Abend kommt der Stabsarzt wie zufällig vorbei. Er setzt sich an mein 
Bett und nimmt mit einer stillen, väterlichen Geste meine Hand in die seine: 
„Wir wollten es Ihnen nicht sagen Schwester Ilse, es war noch zu früh. Ihre 
Freundin starb“, er sagt es ganz vorsichtig, und ich spüre die Bewegung in 
seiner Stimme — „als sie den Höhepunkt ihres Lebens erreicht hatte. Wir wis- 
sen nicht“, setzte er bestimmt und ohne Pathos hinzu, „welche Gnade ihr damit 
erwiesen worden ist. Und — das mag und muß Sie trösten: Sie starb ohne 
Schmerzen, ohne Kampf, ohne noch einmal zu erwachen. Es war ein guter Tod.” 
Er legt leise meine Hand auf die Bettdecke zurück und geht hinaus. 

Mein wilder Schmerz hat sich in tiefe, unnennbar tiefe Trauer verwan- 
delt. Ich kann nur weinen und weine eine ganze Nacht hindurch, bis das erste 
Dämmern am Himmel den neuen Tag verkündet. 

Eines Morgens kommt der Stabsarzt in mein Zimmer: „Schwester Ilse, 
Sie müssen mal versuchen, die Beine herunter hängen zu lassen. Es kann mög- 
lich sein, daß Sie in den nächsten Tagen verlegt werden!“ Sein Gesicht ist be- 
sorgt und verschlossen und man hat keine Lust, sich durch eine unangebrachte 
Frage eine Abfuhr zu holen. Dieses „Beine hängen lassen“ ist ein klägliches 
Unterfangen. Schwester Carla und Alexandria helfen mir dabei, und drei Augen- 
paare starren nachdenklich auf ein paar wachsbleiche, stockige, beinähnliche 
Gebilde, die zu meinem Kummer mir gehören. Ach, ich strecke mich entmu- 
tigt wieder in meinem Bett aus. — Nichts geht vorwärts! Und Alexandria ver- 
sucht, mich zu trösten. Sie ist das Mädchen mit den stark ausgeprägten slawi- 
schen Zügen, die einmal mit ihrem Lachen in meine Fieberträume hinein 
spukte. Jetzt sind wir längst gute Freunde geworden. Sie ist von Charkow mit der 
Einheit in die Steppe gezogen. Sie hat den ganzen mühevollen Einsatz bis 
heute mit scheinbar unerschöpflichen körperlichen Kräften, zuverlässig und un- 
verdrossen mitgemacht, und steht nun vor der Frage, was mit ihr und all den 
treuen Helferinnen aus der Ukraine geschehen soll, wenp wir zurückgehen 
müßten. Aber ihr junges Gesicht zeigt keine Sorge. Sie plaudert in einem be- 
zaubernden Deutsch-Russisch — (wie schnell sie alle deutsch gelernt haben), 
kindhaft und eifrig mit mir. Ganz besonders gilt ihr Interesse Deutschland und 


32 


immer wieder Deutschland. Oh, oh, ihr ganzes Gesicht ist ein einziges Stau- 
nen, ihre Augen lassen — groß und glänzend vor Spannung — nicht von mei- 
nem Gesicht los, wenn ich ihre tausend Fragen nach Deutschland zu beantwor- 
ten versuche. Eine große Vorliebe hegt sie für mein Nähetui aus rotem Leder. 
Scheu und bewundernd streichen ihre Finger darüber hin: „Was ihr in Deutsch- 
land alles habt!“ Ich möchte es ihr schenken — „Zum Abschied Alexandria!“ 
Oho, ich komme aber schön an. Ihre Augen blitzen und sie weicht fast bis 
zur Tür zurück: „Njet, njet!“ Und ich bin ganz verlegen. „Alexandria, wirst 
Du mit uns laufen, wenn Deine Leute kommen?“ „Nix meine Leute!“ Sie hat 
schon wieder böse Augen. Ich frage: „Sag, kommst Du mit?“ „Ich weiß nicht!“ 
Sie zuckt die Achseln und blickt rätselhaft zum Fenster hin. „Sie werden Euch 
etwas tun, weil Ihr uns geholfen habt!“ dringe ich in sie. Ihr Mund krümmt 
sich leicht, Verachtung? Ratlosigkeit? Sie atmet tief: „Nitschewo!“ Wieder 
ein leises Achselzucken, dann läßt sie ihre Arme fallen und steht mit ihrem 
leicht zur Seite geneigten Köpfchen unendlich verloren und fremdartig im 
Raum. Ach kleine Alexandria! — Dem ersten Versuch des Sitzens folgen wei- 
tere und es geht mir immer noch nicht schnell genug voran. Jetzt bin ich un- 
geduldig und die Spannung ringsum hat schon lange auf mich übergegriffen. 
Das seit Tagen anhaltende Schneetreiben vor meinem Fenster, und das kalte 
bleiche Licht der Landschaft machen mich nervös. Wir schneien hier ein, und 
eines Tages wird der Russe uns umzingelt haben. Und ich kann nicht einmal 
laufen! Die Dämmerung, die den ganzen Tag nicht weichen will, und dazu 
die unendlich langen, dunklen Abende mit winzigen Kerzenstummeln geben 
Raum für viel zu viel Gedanken. Freude und Ruhe sind dahin. Lenis Tod 
hat etwas in mir zerstört. Die glückliche Illusion, gesund zu werden für eine 
lebenswerte und hoffnungsreiche Zukunft ist durch die Situation unserer Fron- 
ten restlos zunichte gemacht. Trotzdem will ich leben, und ich will nach 
Deutschland. Hinaus aus diesem furchtbaren Lande. Und darum empört mich 
auch mein langsames Vorwärtskommen so sehr. Ich liege dauernd mit mir in 
Fehde und kann und kann es nicht begreifen, warum ich nicht schon wieder 
laufen kann. 


An einem dieser bleich- grauen Vormittage arbeite ich mich mit 
Mühe vom Bett zum Stuhl. Ich habe zum erstenmal mein Schwesternkleid an 
und wenn ich einmal schon behauptete, es schlottert um mich herum, so läßt 
seine Weite jetzt auf eine mehr als hagere Statur schließen. Dieser Betrachtung 
gebe ich mich gerade erbost und ausführlich hin, da klopft es kurz an die Tür 
und Dr. P. kommt herein. Er starrt mich verwundert und ungläubig an: „Das 
sind Sie?“ und setzt sich krachend auf mein Bett, daß es aufächzt. „Tag, Herr 
Doktor.“ Ich bin etwas erschrocken. Konventionelle Formen können überflüs- 
sig und lächerlich werden, aber die knappe Begrüßung nach sechs Monaten, 
ohne Händedruck, ist irgendwie nicht in Ordnung. Ich blicke ihn befremdet 
an. Ja, nun könnte ich eigentlich endlich zufrieden sein! Dieses mir unaus- 
stehliche Lachen ist restlos, aber auch ohne die geringste Spur zu hinterlassen, 
aus seinem Gesicht gerissen. Seine Augen blicken fast stumpf, ein ungepflegter, 
harter Bart steht störend in dem hageren Gesicht, seine Uniform ist ganz und gar 
beschmutzt. Und die Hände, diese ruhigen, sicheren Chirurgenhände zerren 
.an einem einzigen Handschuh hin und her. „Wo kommen Sie her, Herr Dok- 
tor?“ Ich bemühe mich, meiner Stimme einen behutsamen Klang zu geben, 
denn ich habe das Gefühl, daß er krank, seelisch krank vielleicht, und am 


53 


Ende seiner Beherrschung ist. Wieder trifft mich ein abwesender, stumpfer 
Blick, der aber dann etwas lebhafter wieder mit Vernwunderung an meinen 
schlottemden Kleidern hängen bleibt. Dann birgt er plötzlich seinen Kopf in 
beide Hände: „Aus K.“ Es klingt gepreßt. „Aus K.?“ Ich verstehe ihn nicht. 
K. ist schon seit Tagen wieder in russischer Hand. „Gehetzt, gerannt, gekro- 
chen —“ Er stößt es hervor und es klingt furchtbar aus einem Mund, den ich 
kaum je ohne Lachen sah. „Durch die russischen Linien durch? Das ist Ihnen 
gelungen, oh — Herr Doktor!“ Ein warmes Gefühl von Freude und Dankbar- 
keit für seine Rettung steigt in mir auf. „KI“ sagt er und seine Stimme klingt 
jetzt monoton und unbeteiligt, als erzählte er eine gleichgültige Geschichte. 

Alle Verwundeten bis auf die Schwerstverwundeten und Kranken wurden 
verladen. Ein Sankra nach dem anderen rollte ab. Die Einschläge der Artille- 
rie kamen näher. Die Panzerspitze stand drüben an der Brücke. Ein Panzer- 
spähwagen durchfuhr schon in aller Ruhe den Ort. Und Bomber, Bomber, 
Bomber. Ein einziger Sankra, der letzte, stand noch vor dem Lazarett. Dr. P. 
half die Verwundeten einladen und blickte noch einmal zu den Verlassenen 
hinein. — Es war unmöglich, sie auch fortzubringen. Einige hatten nur zum 
Teil den Abtransport der Kameraden begriffen und lagen da in stummer oder 
brüllender Qual. Der Fahrer öffnete den Schlag. Dr. P. müßte nun schleu- 
nigst einsteigen, und er konnte es nicht. Er ging neben dem Sankra her, der 
bis zur Straße vorsichtig durch das Steppengras, au Bombentrichtern vorbei, 
manövrierte. Der Fahrer, dessen Aufmerksamkeit ganz und gar in Anspruch 
genommen war, und der sich doch auch am liebsten im Höllentempo davon 
gemacht hätte, hielt noch einmal an. „Nun steigen Sie doch ein, Herr Stabs- 
arzt, denen können Sie nicht mehr helfen und wir brauchen Sie!“ Dr. P. schüt- 
telte den Kopf. Er reichte dem Fahrer schweigend seine Hand hinauf und 
machte das Zeichen zum Abfahren. Der Sankra, der allerletzte Sankra rollte 
die Straße nach Westen ab. Dr. P. stand allein und blickte ihın nach. Dann 
wandte er sich um und wollte dem Lazarett zugehen, als er durch die Er- 
schütterung einer wahnsinnigen Detonation niedergeschleudert wurde und 
fast die Besinnung verlor. Er preßte den Kopf in das harte Steppengras, alles 
mögliche flog um und auf ihm herum. Volltreffer dachte er mechanisch, Voll- 
treffer, doch nicht —? Ein entsetzlicher Gedanke stieg in ihm auf uud als er 
schließlich den Kopf hob, da sah er die zertrümmerten Überreste seines Laza- 
rettes in schwarzen Rauch eingehüllt. — Hier war nichts mehr zu tun. Er 
sprang auf und jagte instinktiv der Richtung des Sankra nach. Er hoffte, noch 
ein Fahrzeug zu erwischen. Er rannte gehetzt, das grausige Bild entsetzlicher 
Vorstellungen vor den Augen, und merkte erst langsam, daß Karabinerschüsse 
um ihn herum peitschten. Sie kamen aus den Panjehütten und aus Erdhöhlen. 
Alle Zivilisten, die ganze verstreute Bevölkerung aus K. hatte plötzlich Waffen 
und Munition. So rannte er um sein Leben, von einem überwachen Instinkt 
angetrieben und alle Sinne bis zum äußersten angespannt. An Einzelheiten 
kann er sich nicht erinnern. Letzte Erschöpfung und Müdigkeit haben sie auf- 
genommen. In seinen Träumen werden sie vielleicht eines Tages lebendig 
werden. Aber das Lazarett — das Lazarett mit den verlassenen Kameraden! 
Damit wird er nicht fertig. „Vielleicht waren sie gleich tot, und es blieb ihnen 
vieles erspart?“ Ich bebe und Gemeinplätze liegen mir nicht. Aber man möchte 
ihm irgend etwas sagen. „Meinen Sie?“ fragt er höhnisch. Ich senke den Kopf. 
Ich kann ihn nicht ansehen. Der Gegensatz zu früher ist zu groß. Wenn 
Leni — „Leni ist tot!“ Er. nickt gleichgültig, hat er es überhaupt gehört? Wie 


„4 


kann ich ihm nur helfen? Wir sitzen schweigend, eine unsagbar drückende 
Stille ist im Raum. Dr. P’s Kopf ruht schwer auf seinen Händen gestützt. Seine 
Augen starren ausdruckslos auf den Boden. — Er ist allein mit den Nichttrans- 
portfähigen zurückgeblieben und der Russe war schon im Ort, grüble ich, 
warum? \Warum tat er das? — Ich bin schr skeptisch geworden — und die 
menschliche Unzulänglichkeit ist für mich die gefundene Unbekannte, mit der 
ich eine Menge Gleichungen des menschlichen Lebens zu lösen glaube. Aber, 
ach, ich war immer eine schlechte Mathematikerin und es ist gar nicht alles so 
einfach auf einen Nenner zu bringen. Hier z. B. sitzt ein Mann, den ich für 
den größten Egoisten unseres Jahrhunderts hielt! Und er geht hin, jung, ge- 
sund, begabt und will sich seinen todgeweihten Kameraden opfern. Und wäh- 
rend meine Gedanken immer wieder um das tief erstaunte „Warum“ kreisen, 
steigt visionär plötzlich die Zeit vor meinen Augen auf, vor vielen — ach un- 
endlich vielen Jahren, als ich zum ersten Male mit Dr. P. arbeitete. Das war 
während einer langen Nachtwache. Damals rang der Arzt mir Achtung und 
der Junge in ihm eine fröhliche kameradschaftliche Zuneigung ab, die später 
dann einen argen Stoß erhielt: 


Eine unvergeßliche Nacht aus der Zeit steht vor meinen Augen: In einem 
kleinen Zimmer auf der Frauenstation liegt eine Kreißende. Die Hebamme 
ist benachrichtigt. Aber diese kleine Kreisstadt besitzt diese wichtige Persön- 
lichkeit nur ein einziges Mal. Und gerade heute abend ist sie stark in Anspruch 
genommen. Sie hat versprochen, sobald wie möglich zu kommen, mehr kann 
sie nicht tun. Ich bin etwas beunruhigt. Sehr frisch examiniert, war ich noch 
nie allein bei einer Geburt. Jedoch, — ich blicke mit dem Vertrauen einer jun- 


sen Schwester zu dem alten Assistenz-Arzt — Dr. P. war damals wohl sechs- 
undzwanzig Jahre alt — und bemerke in seinem stets vergnügten Gesicht 


eine leichte Unruhe. Irre ich mich? Ist er am Ende auch nicht so ganz 
sicher? Und tatsächlich, auf die Gefahr hin, seine ganze Autorität bei mir 
einzubüßen, gesteht er mir, daß dies seine erste selbständige Geburt sein 
wird. Wir lachen uns beide ein bißchen aus, dann spannen wir alle Kräfte 
an: wir werden es schon schaffen. — Wer könnte uns verdenken, daß 
wir dennoch heimlich immer wieder nach der Nachtglocke Jauschten! Viel- 
leicht kommt sie doch noch, daß sie uns mit einem Schlage und mit 
ihrem wohlbekannten Köfferchen aus unserer Not befreit. Aber natürlich 
kommt sie nicht. — Die Wehen der jungen Frau werden stärker. Wir 
gehen zu ihr und verlassen sie nun nicht mehr. Sie liegt in dem Bett mit 
Farben wie Schneewittchen, muß ich denken: weiß wie Schnee, rot wie Blut 
und schwarz wie Ebenholz! Nichts Krampfhaftes, nichts Ängstliches ist in 
ihrem Gesicht. Eine tiefe, gefaßte, gesunde Ruhe, und eine lächelnde Freude 
ist in ihren Augen. \Venn die Wehen sehr stark sind, verschließt sich ihr Ge- 
sicht, sie wendet es ab und umkrampft mit ihren sehr weißen Händen die Bett- 
stelle. Sind sie dann vorüber, lächelt sie. Ich bin mit meinem ganzen Herzen 
bei der Frau. Ich täte alles, um ihr Erleichterung zu schaffen. Sie will gar 
nicht Erleichterung. Man merkt, daß sie unsere junge, wache und starke Be- 
reitschaft spürt und ihr Vertrauen zu dem jungen Arzt kommt deutlich in dem 
ruhigen, lächelnden Blick, mit dem sie ihn ansieht, zum Ausdruck. Und wir 
alle drei sind wie eine verschworene kleine Einheit. Und das junge Leben 
drängt und drängt, ohne Rücksicht auf unsere persönlichen Gefühle im Hin- 


599 


blick auf die Hebamme. Und die Mutter hilft ihm dabei mit ganzer Kraft und 
zusammengepreßten Zähnen und wir stehen, um es zu empfangen in gefaßter 
Erwartung, letzter Konzentration und allem nötigen Zubehör; — da kräht etwas 
und ein schwarzer Schopf, in letzter köstlicher Geborgenheit noch ganz ver- 
bunden mit der Mutter, an ihre Schenkel geschmiegt, wird in nächster Minute 
durch einen energischen Schnitt zu einem kleinen krebsroten Individualisten. 
Das Wunder ist geschehen! Über dem müden Gesicht der Mutter liegt der 
stille warme Glanz der Erfüllung. In meinem Herzen ist eine kleine Glück- 
seligkeit, die nicht mehr fern von ein paar Tränen ist. Und Dr. P. steht wie ein 
großer erschütterter Junge im Raum, der um seine Fassung ringt. Und seine 
Augen sind strahlend und fast gütig, als er den dankbaren Blick der jungen 
Mutter zurückgibt. — Wir haben in dem Frühjahr noch manche schwere Nacht- 
arbeit getan. Ich wachte ein Vierteljahr, und genau an dem Tage, als meine 
Nachtwache zu Ende war, verließ er uns, um zu heiraten. Es war immer schön 
gewesen und alles, was wir taten für die Kranken, geschah aus dem gleichen 
Impuls wie damals. Getrieben zu helfen und des Vertrauens würdig zu sein. 
Und vielleicht liegt hier der Schlüssel seiner Tat. Er blieb sich treu. 

Als er davonfuhr, überreichte er mir ein schmales Bändchen „In memoriam 
noctibus“ — hieß seine Widmung und er lachte ein ‚bißchen frech über die 
Zweideutigkeit. Es war ein blanker April-Sonntag, Vom Himmel lachte eine 
strahlende Sonne, und im Garten waren die Veilchen erblüht. Dunkellila Tep- 
piche leuchteten warm zwischen dem nackten Braun der noch winterlichen 
Erde. Und als wir ihm die Hand zum Abschied reichten, läuteten die Glocken 
von den beiden Türmen der Backsteinkirchen. Er ging unter dem Geläute hin- 
durch, als sei es eigens um seinetwillen bestellt — jung, strahlend mit einem gol- 
denen Vertrauen zu sich und der Welt. — Sieben Jahre sind seither vergangen. 
Vor sieben Jahren — bis heute ein weiter Weg. 

Für viele ist der Weg zu Ende. 

Viele marschieren weiter im Schatten des großen Krieges. Im Schatten 
einer kranken Welt, die sich anschickt zu zerbrechen, und deren Scherben den 
Marschierenden ein Mal aufdrücken, daß sie gezeichnet sind. 


Das Zimmer ist noch immer angefüllt mit einer ratlosen Stille, und wir sit- 
zen wortlos wie zuvor. Meine Hände liegen geöffnet in meinem Schoß wie 
Gefäße — leere Gefäße. — 


13. Dezember 


Das Wetter ist immer noch trübe und neblig, und die Luftwaffe kann nicht 
. in die Erdkämpfe eingreifen. Gibt es noch eine Hilfe für uns — für Stalingrad? 
Feldmarschall Paulus soll auch in dem Kessel sein. Wie mag es wohl in 
Deutschland aussehen? Wenn ich doch bald fahren könnte. Seit September 
haben wir keine Post mehr bekommen. 


Nachts. 


Ich bin von einem seltsamen Geräusch aufgewacht, das von der Straße 
herkommen muß. Es hält nun schon seit Stunden an, und ich kann mir nicht 
erklären, was es bedeutet. Irgendetwas Beunruhigendes, Unheimliches geht 
davon aus. Das klingt wie das Schaben vieler Füße. Ich kann nicht wieder ein- 
schlafen. Meine Kerze blakt. Wenn nur erst Tag wärel — 


96 


14. Dezember. 


Mein Gott, das waren Rumänen heute nacht! Rumänen, die rannten, rann- 
ten als folgte der Russe ihnen unmittelbar auf den Fersen. Irgendwo vorn muß 
eine Panik ausgebrochen sein. Vermutlich ist dem Russen ein Durchbruch ge- 
lungen, und nun jagen sie um ihr Leben. Einige von ihnen sollen heute früh 
versucht haben, mit Maschinen, die nach dem Westen starteten, mitzukom- 
men. Man erzählt, sie hätten in ihrer wilden Angst wie die Trauben an den 
Tragflächen gehangen. Viele wären abgestürzt. Daß es schlimm um uns steht, 
kann man von dem Gesicht der Bevölkerung ablesen. Es hat sich völlig gewan- 
delt. Vor ein paar Tagen noch war T. leer und ausgestorben. Heute hocken sie, 
mit Pelzkappen und in dicke Lumpen gehüllt, vor den Türen, den Ecken, ge- 
gen Häuserwände, mit schmalen Augen unter niedrigen Stirnen und mit verzo- 
genen Mündern, die lachen. Ja, sie lachen unverhohlen hinter jedem Rumänen 
her, der, jetzt schon in größeren Abständen, immer noch durch T., blicklos und 
waffenlos, hetzt. 

Im Lazarett sind alle nervös und aufs äußerste deprimiert. ‚Die Patienten 
sollen auf dem schnellsten Weg fortgeschafft werden, und der Abtransport 
klappt nicht. Ich fuhr z. B. heute vormittag und heute nachmittag abmarsch- 
bereit mit dem Sankra zum Flugplatz. Heute vormittag — es war diesig bei 
starkem Frost — kam gerade das Startverbot durch, und heute nachmittag 
nahm ein schwerverwundeter Ritterkreuzträger meinen Platz ein. — Alle Schwe- 
stern haben sich reichlich mit Morphium eingedeckt. Ich überlege, ob ich 
nicht einen der genesenden Typhuskranken nebenan verpflichten kann, mich 
zu erschießen, falls wir nicht mehr zur rechten Zeit fortkommen. — 

Eben war Schwester Carla hier. Es ist noch ein Lazarettzug durchgekommen. 
Wir sollen noch im Laufe der Nacht verladen werden, damit der Zug nach 
Möglichkeit vor dem Hellwerden wieder abfahren kann. Nun kommen wir doch 
noch fort. Aber das Lazarett! Der Stabsarzt war noch einmal bei mir. Ich 
bedankte mich zum dritten Mal, und er wünschte mir nun schon dreimal ‚alles 
Gute“. Neben aller Überbelastung, Sorge und Spannung lag Güte auf seinem 
Gesicht. Er hatte sich schon zur Tür. gewandt, da kam er noch einmal zurück: 
„Schwester Ilse, wir möchten Sie wieder anfordern, wenn Sie ganz gesund 
sind natürlich, und sich gründlich erholt haben. Wollen Sie zu uns zurückkom- 
men?“ Zurückkommen? Ich habe noch nicht ein einziges Mal daran gedacht, 
wie alles weiterlaufen wird, wenn ich wieder gesund bin. Meine Gedanken 
waren seit Wochen nur an eine einzige Sorge fixiert, wann komme ich nach 
Deutschland? Und nun fragte der Stabsarzt mich, ob ich einmal zur Einheit 
zurückkehren wolle! Ich streifte mit einem schnellen Blick sein Gesicht. Es 
sah alt und gelb aus. Alle seine Sekunden des Tages gehören den kranken Sol- 
daten und Schwestern. Ich dachte an Dr. P., der seine Leute nicht im Stich 
lassen konnte, an Leni, die selbstverständlich zurückkam, an alle Schwestern, 
die hier unerschütterlich auf dem Posten standen und mir während meiner 
Krankheit noch erhöhte Fürsorge und Herzlichkeit entgegen brachten. Ja, die 
mir mit der einfachen Geste echter Kameradschaft ihre letzten Kostbarkeiten 
opferten. Plötzlich wußte ich, daß mich alles, was geschehen war, nun 
mehr mit der Einheit verband, als nur die gemeinsame Lazarettabteilung und 
Feldpostnaummer. Ich sah den Stabsarzt ruhig an und war ganz ehrlich, als 
ich sagte: „Ja, bitte fordern Sie mich wieder an.“ Er reichte mir nun end- 
gültig zum letzten Mal die Hand und ging dann schnell hinaus. Mich aber 
packte so etwas wie ein Abschiedsschmerz. 


57 


15. Dezember, im Lazarettzug. 


Wir fahren! Aber was war das für ein entsetzlicher Start. Die Verwun- 
deten waren schon zum größten Teil verladen, und ich lag mit einer Diph- 
terie-Rekonvaleszentin zusammen in einem Abteil. Wir blickten ungeduldig 
und unruhig zum Fenster hinaus auf den Bahnsteig. In der Luft klang das 
Surren von Fliegergeräuschen. Wir wußten nicht, waren es eigene oder feind- 
liche Flieger. Auf dem Bahnsteig herrschte die übliche Unruhe, die einmal 
zu Abtransporten gehört. Doch erschien sie heute gesteigert durch eine rast- 
lose Nervosität des Zug- und Sanitätspersonals. Die Dienstgrade rannten mit 
erhitzten Gesichten und dampfendem Atem, keuchend und schleppend hin 
und her. Die Sanitätsoffiziere gaben mit tiefernsten Gesichtern letzte Anwei- 
sungen. Ihre Bewegungen verrieten Hast und Spannung. Am Ende des Bahn- 
steigs war ein großes Zelt aufgeschlagen. Es war angefüllt mit Verwundeten 
aus Stalingrad, die vor Stunden aus dem Kessel herausgeholt worden waren 
und nun hier gleich weiter verladen werden sollten. Darauf warteten wir noch. 
Da — plötzlich, Einschlägel Also doch feindliche Flieger! Sie überflogen an- 
scheinend den Flugplatz in verhältnismäßig geringer Höhe, und mußten uns 
bald entdeckt haben. Eine verzweifelte Angst ließ uns die Köpfe in die Polster 
pressen: Lieber Gott, flehten unsere Herzen, nicht das noch in letzter Minute! 
Und dann ein naher Einschlag — klirren von Scheiben, ein bebender Bahn- 
steig — Totenstille —, und dann Aufschreie so durchdringend und grauenhaft, 
daß ich sie wohl in meinem Leben nicht wieder vergessen werde. Fast zur 
gleichen Zeit ging ein Ruck durch den Zug. War das möglich? Er fuhr ein- 
fach ab. Aber vielleicht wollte er nur aus dem Bahnhof heraus, um den Bom- 
bern als feststehendes Ziel zu entgehen. Doch sein Tempo wurde immer grö- 
ßer. Er raste davon, als hätte er die Verwundeten in dem Zelt vergessen und 
wollte nicht mehr zurückkehren, Ach, der Zug fuhr immer weiter und weiter. 
Die Flieger blieben zurück. Er brauchte nicht wieder umzukehren. Eine 
Bombe fiel in das Zelt der geretteten Stalingrader Soldaten. 


21. Dezember. 


Hier im Lazarettzug sind zwei Schwestern, die gemeinsam mit den Sani- 
tätsdienstgraden die Verwundeten und Kranken betreuen. Die eine von ihnen 
ist noch ganz jung. Wenn sie am Abend ihren „Rundgang“ macht, wankt sic 
bleich und erschöpft von einer Seite zur anderen — den ganzen langen, durch- 
gehenden Gang entlang. Sie ist nicht mehr imstande, sich den Schwankungen 
der Wagen entgegen zu stemmen. Wenn sie zu uns hereinkommt, ruht sie 
sich einen Augenblick aus. Fast jedesmal löst ein Tränenstrom ein Weniges 
der Qual des Tages. Ihr Dienst ist beinahe pausenlos. Aber noch nie war eine 
Fahrt so schlimm wie diese. Ständig beinahe sind Flieger über uns. Nie ist auf 
den Stationen, obwohl der Zug Stunden vorher angemeldet wird, Wasser 
und Kohle bereit. Überall wird sabotiert. Das Beschaffen von Kohle und Was- 
ser bedeutet jedesmal Aufenthalt und Verzögerung von Stunden. Hat 
diie Lok kein Wasser, neulich dauerte es fast eine ganze Nacht, wahrschein- 
lich durch den harten Frost, dann haben sie keinen Tec und keinen Kaffee; — 
für einen langen Zug mit Schwerverwundeten keinen Tropfen zu trinken. Fehlt 
die Kohle, stehen die Wagen in kürzester Zeit vollkommen ausgekühlt in der 
einsamen Landschaft, die unheimlich und voll lauernder Gefahr erscheint, 
und das Personal weiß nicht, wie es seine Kranken vor der durchdringenden 


38 


Kälte schützen soll. — Das weiße junge Gesicht der Schwester ist ganz und 
gar verzweifelt und trostlos. Die Verwundeten! Neunzehn wurden bisher notaus- 
ecladen und fünfzehn starben. Und wir sind noch nicht am Ziel. 
Ich trainiere meine traurigen Beine. Das Laufen geht noch immer schlecht. 
Ich kann weder allein vom Trittbrett des Zuges auf den Bahnsteig, noch umge- 
kehrt ohne Hilfe wieder in den Zug gelangen. Ich schwanke verbissen auf 
dem Gang entlang und bin immer jemand im Wege. Aber die Ärzte, die hier 
jeden Morgen bei uns eine Visite andeuten, behaupten, ich hätte mich schon 
cin wenig erholt. Das Essen ist auch viel besser als in T., abends z. B. gibt 
es Kakao und schneeweißes Brot mit Butter und Käse. 

Beim Waschen in der Toilette habe ich jeden Morgen das Vergnügen, mich 
im Spiegel zu betrachten. Ich habe seit Lenis Spiegelscherbe in P. keinen 
Spiegel mehr in der Hand gehabt. Das erstemal, als ich mich erblickte, ging 
ich so nahe an das Spiegelglas heran, daß ich es mit der Nase berührte. Dann 
trat ich, soweit ich konnte, zurück — mich nicht aus den Augen lassend, und 
blickte schließlich nach links und rechts, ob nicht irgendetwas da sei, das mich 
mit meinem Spiegelbild narre. Ich hielt es für eine optische Täuschung. Wie 
ist so etwas nur möglich! 

Übrigens heißt cs jetzt plötzlich zu unserer größten Betrübnis, daß wir nur 
bis ins Gouvernement fahren, vielleicht bis Warschau. Wenn ich mich doch auf 
cigene Faust davon machen könnte! 


Lublin, den 23. Dezember. 


Hier sind wir nun also ausgeladen, und es gelang mir nicht zu entkom- 
men. Ich bin Patientin eines heftig gekränkten Reservelazarcetts. Heftig ge- 
kränkt, weil wir uns zu unserer Abreise kurzsichtigerweise einen Zeitpunkt in 
Rußland aussuchten, der nun das Lazarett mit seinen Weihnachtsvorbereitungen 
in Kollisionen bringt. So ein Reservelazarett hat seine eigene Atmosphäre, — 
zunächst ist sie für mich noch undurchdringlich und überaus befremdend. Aber 
— ich werde überschüttet mit Äpfeln und Schokolade. Mein Gott — Schoko- 
lade und Äpfel — mein Gott! Außerdem gibt es Bohnenkaffee, schwarzen Tee, 
Omelettes aus richtigen Eiern, und Geflügel Ich kann haben, was ich nıag. 
Und ich mag nichts. Ich blicke niedergedrückt zum Fenster, auf die fremde 
Stadt, hinaus, und morgen ist Heiligabend. Sie sollten mich doch ziehen lassen. 

Lublin ist eine unruhige Stadt. Unter der scheinbar gleichmütigen Ober- 
fläche des alltäglichen Straßenbildes kocht und brodelt es. Die Ghettos sind 
voll von Haß und Vergeltungsplänen. Unsichtbare Fäden wirken unermüdlich 
an einem gefährlichen Netz. Natürlich sind die Polen völlig über die Stalin- 
grader Situation informiert. Die Auswirkungen unserer Niederlage bestimmen 
die Haltung der polnischen Bevölkerung. Keiner geht gern am Abend allein 
durch die Straßen. Alle deutschen Frauen sind gewarnt worden, auch am Tage 
nicht ohne Begleitung hinauszugehen. Viele Deutsche sind schon spurlos und 
lautlos verschwunden. 

Ach, und diese graue lustlose Atmosphäre des Lazarettes! Sie haben doch 
hier ein durchaus erträgliches Maß an Arbeit, haben Kaffee, Schokolade, Obst 
und Eier für ihre Patienten. Wenn sie am Schalter knipsen, flammt das Licht 
der elektrischen Birnen auf, wenn sie den Wasserhahn aufdrehen, läuft fri- 
sches, trinkbares Wasser in unbegrenzten Mengen heraus. (Ein Bild, das uns 
alle einmal in unseren Fieberträumen quälte). Sie haben so etwas wie eine 
geregelte Freizeit, nie Fliegeralarm und kaum Ungeziefer. Aber niemand ist 


59 


zufrieden. Vielleicht kommt das von der Zwitterstellung des Lazarettes. Hier 
ist nicht mehr die Heimat und noch lange nicht die Front. Und doch umgibt 
sie ein fremdes und ungastliches Land. Vielleicht ist ihre Unlustigkeit zu 
begreifen, aber sie dürfte sich nicht so stark den Patienten mitteilen. Mit unbe- 
stimmter Traurigkeit gehen meine Gedanken immer wieder über das bleiche, 
weite Land zu meiner Einheit zurück. Ich kann es selber nicht begreifen; 
aber statt froh und dankbar zu sein, daß ich nun hier bin, wünsche ich mir 
beinahe, dort bei ihnen zu sein. Ich glaube, unser Heimatgefühl wird nicht 
ausschließlich von der geographischen Umgebung, sondern von der Gesinnung 
unserer Umgebung bestimmt. 

Heute Nachmittag war ich in die Stadt ausgerückt. Ach, sie erschien mir 
einfach häßlich! Ich geriet bei meinem vorsichtigen Rundgang in eine kleine 
Seitengasse und salhı plötzlich drei bis vier Polenjungen vor mir am Kantstein 
stehen. Die Straße war sonst leer. Einer machte die anderen auf mich aufmerk- 
sam, sie waren wohl sechzehn bis siebzehn Jahre alt, es erschien mir, als blickten 
sie höhnisch auf den Roten-Kreuz-Rand meiner Haube. Ich hätte vielleicht 
umkehren sollen. Aber ich brachte es nicht fertig, vor diesen Jungen davonzu- 
laufen. Ja, ich ging eigentlich mechanisch, wie von einem fremden Willen 
getrieben, weiter, obgleich mir gar nicht wohl dabei zumute war. Als ich an 
ihnen vorbei kam, spukten sie wie auf Kommando vor mir aus. Ich war 
nicht sicher, ob nicht auch mein Mantel davon etwas abbekam. — Ich: ging 
an ihnen vorüber, als wäre nichts geschehen. Aber niemals ist mir ein Weg — 
es waren nur noch ein paar Schritte bis zur nächsten Straßenkreuzung — so 
endlos erschienen, und nie spürte ich so körperlich Blicke auf meinem Rücken, 
wie auf der kleinen Strecke, die mir noch zu gehen übrig blieb. 


24. Dezember. 


Ich bin dann wieder auf eine belebte Straße gekommen und mit meinen 
müden Beinen heimwärts ins Lazarett gestakt, geradewegs in das Untersu- 
chungszimmer des Stationsarztes hinein. „Herr Doktor, wann kann ich endlich 
nach Deutschland fahren? Eben haben mich die Polen angespuckt!“ Der Dok- 
tor hat mich unwillig angeguckt. „Was laufen Sie auch draußen herum!“ Aber 
ich habe ihm keine Zeit für weitere Betrachtungen gelassen, sondern ihn noch 
einmal beschwörend und flehend gefragt, wann ich fahren kann. Da hat er 
mich nachdenklich und zweifelnd gemustert: „Wie wollen Sie mit Ihrem Kof- 
fer von hier nach Hamburg kommen?“ Doch ich habe versichert, daß ich das 
schon schaffen werde. Aber dann ist da noch eine ungeheure Schwierigkeit 
aufgetaucht, deren Umfang ich zunächst gar nicht ermessen konnte. Mein 
Krankenblatt ist nämlich verschwunden gewesen! Und dunkel ist mir wieder 
eingefallen, daß ja ein Patient, sei er nun tot oder lebendig, unter keinen Um- 
ständen eine Klinik verlassen darf, wenn das Krankenblatt nicht ordnungsge- 
mäß abgeschlossen ist. Das hat natürlich unantastbare Gründe. Und so habe 
ich schnell gefaßt gesagt, daß ich ein neues schreiben will. Der Doktor hat ein 
bißchen erstaunt ausgesehen. Als ich ihm jedoch erklärte, daß ich mein Kran- 
kenblatt während der Fahrt im Lazarettzug bei mir: hatte, bis sie alle einge- 
sammelt wurden, und mir der Inhalt daraus sehr bekannt sei, da hat er mir 
ganz erleichtert ein schönes weißes Krankenblattformular gegeben. Ich habe 
am gleichen Abend noch meine Krankengeschichte geschrieben. Bis auf ein 
paar Untersuchungsbefunde habe ich alles mit gebührender Sorgfalt und schön- 
ster Schrift rekonstruiert. Nicht einmal die Roseolen habe ich vergessen. Der 


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Arzt hat am nächsten Morgen das Schriftstück mit Überraschung entgegenge- 
nommen und hat auch gegen meinen Stil nichts einzuwenden gehabt. Er hat 
sogar versprochen, daß er mich noch am gleichen Tage untersuchen wolle, für 
den Abschlußbefund, und daß ich dann am nächsten Tag fahren könne. 

Der Zeitpunkt der Untersuchung hat sich aber noch ein bißchen hingezo- 
gen. Da nämlich Sonntag war, fand im Untersuchungszimmer eine ausge- 
dehnte Kaffeesitzung statt. Ich ahnte davon nichts, d. h. einmal wußte ich 
überhaupt nicht, daß Sonntag war, und dann habe ich draußen auch so man- 
cherlei vergessen; unter anderem, daß man auch auf diese Art und Weise Sonn- 
tage begehen kann. Ich habe ganz schnell die Tür wieder zugezogen und gar 
nicht recht gewußt, warum ich mir so verloren vorkam, als ich durch die stil- 
len Gänge des Lazarettes ging. Wieder sind meine Gedanken nach Osten zu 
der Einheit geflogen, die bald seit einem Jahr nicht mehr weiß, daß es Sonn- 
tage gibt. Und obgleich ich mir klar gemacht habe, daß man hier nicht mit 
den Maßen der Steppe messen darf, und daß ich mir einen neuen (oder alten — 
wie man will) Maßstab zulegen muß, so habe ich doch einen feinen bitteren 
Geschmack auf der Zunge gehabt. Hat diese schmausende Behaglichkeit etwas 
mit den Zelten voll Verwundeter zu tun, die in die Luft fliegen und mit La- 
zaretten, in denen Volltreffer einschlagen? Sie feiern ihre Feste solange wei- 
ter, bis Bomben ihre eigenen Kaffeetassen hochhüpfen und ihre eigenen Her- 
zen hämmern oder still stehen lassen. Daran ist wohl nichts zu ändern. Ich bin 
müde in mein Zimmer gegangen — und ganz gleichgültig plötzlich in dem 
Gedanken, ob ich nun morgen oder später fahren werde. Aber am späten 
Nachmittag hat mich der Arzt dann doch noch geholt. Er ist heiter und ange- 
regt gewesen, und wir haben die Sache dann schnell zu Ende gebracht. 


26. Dezember. 


Ich stehe auf dem Lubliner Bahnhof und warte mit unzähligen Wehr- 
machtsangehörigen auf den Berliner Zug. Es ist kalt und sternenklar. Mit ei- 
ner Stunde Verspätung braust der „Urlauber“ endlich heran. Er spuckt ein paar 
Soldaten aus und verschlingt uns dann, obgleich es zuerst aussah, als fände 
nicht ein einziger mehr Platz in dem Zug. In Berlin packt mich noch einmal ein 
fast unlösbares Reiseproblem an: Wie konımt ein eben genesener, weiblicher Ty- 
phuskranker mit einem schwerenKoffer, müden Beinen und ohne jede Kräfte vom 
Stettiner zum Lehrter Bahnhof über all die Geliege der unter- und überirdi- 
schen S- und U-Bahnstationen, durch das fast undurchdringliche Gewoge der 
deutschen Wehrmacht, von der das Gros offensichtlich entgegengesetzt mei- 
ner Richtung will und drängt? Doch ein mitleidiger Gepäckträger mit grauem 
Bart, den ich verzweifelt anspreche, greift — mit einem kundigen Blick auf 
mein Gesicht — „Sie kommen wohl aus Rußland, Schwester?“ nach meinem 
Koffer, hebt ihn wie eine Streichholzschachtel auf seine Schulter, und schiebt 
uns mit der gemütvollen Energie des Berliners (ich mag die Berliner zu gern) 
durch alle Lücken, Aufenthalte, Sperren und Hindemisse über Treppen und 
durch Tunnel hindurch, bis er mich am äußersten Rand des Lehrter Bahn- 
steigs, der schwarz von Menschen ist, mit freundlichen Wünschen verläßt. 

Der Hamburger D-Zug ist fort. Aber um 24.00 Uhr kommt noch ein 
Personenzug, der sieben Stunden bis Hamburg fährt. Was bedeuten noch sieben 
Stunden, wenn man gelernt hat, die Reisedauer mindestens nach Tagen zu be- 
rechnen! 


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Als der Zug’herandampft, und alles zu den Koffern, Skiern, Karabinern, 
Ruck- und Seesäcken, Holzkisten und Pappkartons greift, überfällt mich plötz- 
lich -tiefste Mutlosigkeit und mein Herz fängt an zu rasen, niemals wird es 
mir gelingen bei dieser Menschenmenge in den ohnehin schon überfüllten Zug 
hinein zu gelangen. Doch ehe die Wagen noch zum Stillstand kommen, wer- 
den die Türen aufgerissen, die Menschenmauer preßt mich in ein Abteil hinein; 
mein Koffer bekommt einen auffordernden Stoß, und, wie um das Maß der 
Wunder vollzumachen, jemand zerrt mich auf eine Bank! Und da sitze ich 
nun in dem überheizten Zuge, der fauchend Berlin hinter sich läßt. Um mich 
herum schwirren Hamburger Laute, und der geliebte singende Tonfall dringt 
durch meine Ohren tief in mein Herz hinein. Ich sehe lauter kräftige, gesunde, 
gesunde Soldaten. Nirgends ein Verband, eine Brille, ein leerer Aermel. Sie 
haben alle heile Glieder, frohe Augen und warme erwartungsfreudige Gesich- 
ter. Das gibt es also noch. Das gibt es also wirklich noch, — denke ich be- 
nommen und glücklich. Und plötzlich bin ich müde, unsagbar müde. Mein 
Kopf sinkt leise auf die Seite, findet etwas Weiches zum Anlehnen, und ohne, 
daß ich es recht bemerke, bin ich eingeschlafen. 

Als ich die Augen wieder öffne, begegnen mir viele ruhige Blicke, die mich 
grüßen. Neben mir sitzt ein Soldat stocksteif, und ich bemerke zu meiner Be- 
stürzung, daß mein Kopf an seiner Schulter ruht. Ich bringe ihn verwirrt von 
dort fort und entschuldige mich. Er aber sagt mit einem stillen guten Lächeln: 
„Wer aus Rußland kommt, ist müdel‘ — 


Die Nacht ist beinahe vorbei und Mecklenburg liegt schon hinter uns. — 
Und dann dämmert der Morgen. Der Zug rollt über die Elbbrücken. Lang- 
sam wachsen die Türme der alten Kirchen in das blasse Licht des Weihnachts- 
morgens. Stumm liegen die Barkassen in dem bleigrauen Wasser des Freiha- 
fens. Ein paar Möven streifen tief und anmutig darüber hin. Am östlichen 
Himmel umschmeichelt ein sanftes Rot das tiefe Gewölk und läßt die Schei- 
ben der nüchternen Mietskasernen aufflammen wie beleuchtetes Maricnglas. 
Der Zug rattert an den hohen Kontorhäusern vorüber, die heute schweigend 
und lichtlos verharren. Das Straßenbild der Innenstadt öffnet sich. Ruhevoll 
zerteilen breite Straßen die Häuserfronten, matt blinken die unbefahrenen 
Bänder der Straßenbahnschienen im Frühlicht. Kein Straßenbahnlärm, kein 
Autohupen zerreißt die feierliche Besonnenheit der großen Stadt. Jetzt schiebt 
sich aus dem Zwielicht des winterlichen Tages das Profil des Hauptbahnhofes 
hervor. Vom Klockmannhaus grüßt altvertraut die hohe kerzengeschmückte 
Tanne. — Hamburg, Hamburg! — Ich bin eingekeilt in eine Masse grauer Sol- 
daten. Wir pressen unsere Stirnen gegen die Scheiben des Zuges, stumm und 
mit übernächtigten Gesichtern und erschauern leise, als über das Rattern des 
Zuges erstes weihnachtliches Glockengeläute zu uns herüber schwingt. — 


Dann braust der Zug in die Halle hinein. Die Türen knallen auf. Der 
Strom von Urlaubern ergießt sich auf den Bahnsteig. 


Sosch! — — — — 
\WVortlos reichen wir einander die Hand. - - - - - - — — 


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